Drogen-Prozess in SalzburgHeimliche Liebe der Dolmetscherin mit Kronzeugen: Jetzt werden Protokolle überprüft

Im Drogenprozess rund um einen Umschlagplatz in einer Pizzeria im Flachgau - es geht um Captagan-Pillen im Werde von 40 Millionen Euro - muss jetzt ein neuer Dolmetscher die übersetzten Protokolle überprüfen. Die Dolmetscherin soll mit dem Kronzeugen heimlich liiert gewesen sein.

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SALZBURG: PROZESS ?VORWURF DES SUCHTGIFTHANDELS MIT 13,8 MILLIONEN CAPTAGON-TABLETTEN?
14 Beschuldigte sind im Prozess insgesamt angeklagt © APA/BARBARA GINDL
 

Am Landesgericht Salzburg ist am Mittwoch der Prozess wegen Handels von 13,8 Millionen Captagonpillen mit den Einvernahmen von den Angeklagten fortgesetzt worden. Die 14 Beschuldigten sollen Mitglieder einer internationalen Bande sein, die die sogenannten "Jihadisten"-Drogen aus dem Libanon nach Österreich geschmuggelt hat. Wegen einer Liaison der Dolmetscherin im Ermittlungsverfahren mit dem Kronzeugen soll nun ein anderer Dolmetscher die übersetzten Protokolle überprüfen.

Die nicht zertifizierte Hauptdolmetscherin für die arabische Sprache hat in dem rund drei Jahre dauernden Ermittlungsverfahren sämtliche Vernehmungs- und Telefonüberwachungsprotokolle übersetzt. Auch zwei Schwägerinnen der Frau wurden offenbar für Übersetzungen herangezogen. Die Dolmetscherin soll zum Ärgernis der Verteidiger seit Juni 2019 mit dem Kronzeugen heimlich liiert gewesen sein.

Die Anklage basiert zu einem Gutteil auf den Angaben des in Salzburg lebenden Irakers. Der Kronzeuge soll eingeräumt haben, in die Drogengeschäfte involviert gewesen zu sein, und dafür im Vorfeld eine Diversion erhalten haben. Die Dolmetscherin wurde vor rund zwei Wochen aus der hausinternen Dolmetscherliste des Landesgerichtes Salzburg gestrichen. Beim gestern gestarteten Prozess wird ein gerichtlich zertifizierter Dolmetscher für die arabische Sprache eingesetzt.

Wegen der intimen Beziehung der Dolmetscherin zu dem Kronzeugen haben Verteidiger die Frau als befangen erklärt. "Alles, was sie übersetzt hat, ist mit Nichtigkeit bedroht", sagte etwa Rechtsanwalt Leopold Hirsch. Kollegen kündigten an, dass ihre Mandanten im Prozess erst dann aussagen würden, wenn die Protokolle neu übersetzt worden sind.

Zu diesem Thema hat das Landesgericht heute eine Medieninformation veröffentlicht. "Mit Beschluss von 10. Dezember hat das Landesgericht Salzburg aufgrund der im Raum stehenden Vorkommnisse betreffend die im Ermittlungsverfahren beigezogene Übersetzerin einen allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Dolmetscher für die arabische Sprache aus Graz bestellt und diesen mit der Überprüfung bzw. Übersetzung von Telekommunikationsüberwachungs-Protokollen aus dem gegenständlichen Ermittlungsverfahren beauftragt."

Mehrere Verteidiger wie Andreas Reischl und Kurt Jelinek haben allerdings die komplette Neuübersetzung sämtlicher Beschuldigtenvernehmung- und Telefonüberwachungsprotokolle beantragt, auch von jenen Protokollen, welche die Schwägerinnen der Frau übersetzt hatten. Der Schöffensenat hat sich eine Entscheidung über den Antrag noch vorbehalten.

Umschlagplatz des Drogen-Schmuggels soll laut Anklage eine Pizzeria in Bürmoos im Salzburger Flachgau gewesen sein. Österreich spielte bei diesem Handel mit Captagonpillen offenbar die Rolle einer Zwischenstation. Das Captagon wurde den Ermittlungen zufolge im Libanon hergestellt und war für Saudi-Arabien bestimmt. Der Umweg über Europa erfolgte nur deshalb, weil Importe aus der EU in Saudi-Arabien offenbar deutlich weniger kontrolliert werden als die Wareneinfuhr aus dem Vorderen Orient. Die Staatsanwaltschaft grenzte den Tatzeitraum von Juni 2016 bis März 2021 ein.

Die Verteidiger der anwesenden 13 Angeklagten hatten zum Prozess-Auftakt erklärt, dass diese nicht schuldig seien. Es seien "keine einzige Tablette", keine Abnehmer und kein Bargeld gefunden worden.

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