Spitäler völlig überlastetImmer mehr Experten für totalen Lockdown in Österreich

"Es kann nicht sein, dass in Salzburg Menschen sterben, keine mutigen Entscheidungen getroffen werden, die auf der Hand liegen", kritisiert Rainer Thell, leitender Oberarzt der Notfallaufnahme in der Klinik Donaustadt.

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© APA/Hans Punz
 

Immer mehr Experten sprechen sich aufgrund der steigenden Zahl an Covid-Intensivpatienten für einen Lockdown für alle in Österreich aus. "Es geht sich sonst nicht mehr aus", sagte Rainer Thell, leitender Oberarzt der Notfallaufnahme in der Klinik Donaustadt, ehemals SMZ Ost, im Gespräch mit der APA. "Es kann nicht sein, dass in Salzburg Menschen sterben, keine mutigen Entscheidungen getroffen werden, die auf der Hand liegen", kritisiert er.

Wenn wir jetzt nicht solidarisch sind, wann dann?

Rainer Thell

"Jetzt kann man Salzburg noch entlasten und Patienten nach Wien und Niederösterreich ausfliegen." Denn dort gebe es beispielsweise noch Betten für Covid-19-Patienten. Er könne es nicht akzeptieren, dass das Sterben zugelassen wird, sagte Thell. "Wenn wir jetzt nicht solidarisch sind, wann dann?", fragte der Anästhesist und Intensivmediziner. "Wer jedoch glaubt, dass nur Salzburg und Oberösterreich stark betroffen sind, der irrt", sagte er. "Die Welle wird sich weiter fortsetzen. Das Weihnachtsgeschäft und die Wintersaison sind in höchster Gefahr, wenn wir jetzt nicht auf die Vollbremse steigen", sagte Thell.

Denn "sämtliche regionale, partielle oder Pseudo-Lockdowns werden das Problem nur in die Länge ziehen, aber nicht nach unten drücken. Es zieht sich für uns alle in den Köpfen wie ein Germteig", sagte der Oberarzt. "Uns läuft schlicht und ergreifend die Zeit davon. Wir können auch nicht mehr bis Ende November warten. Mit einem befristeten Lockdown vermasseln wir es nicht, sondern investieren in eine ganz wichtige Sache: in den Advent und in Weihnachten", sagte der Mediziner. "Wir alle leben in Wahrheit niemals in totaler Freiheit, sondern nur in Freiheitsgraden. Und jetzt müssen wir uns ganz einfach im Sinne derer, die in den Spitälern behandelt werden müssen, zurücknehmen, das ist alles."

Operationen verschoben oder eingestellt

Auch in Wien würden laufend weitere Covid-Stationen aufgemacht und andere Stationen geschlossen werden. Ständig müssten auch weitere Intensivbetten für Patienten zur Verfügung gestellt werden. Planbare Operationen werden verschoben oder sind gar eingestellt, damit die Covid-Patienten versorgt werden können. Auf den Nicht-Covid-Stationen müssen die Patienten immer mehr zusammenrücken. "Es verschiebt sich alles ununterbrochen nach hinten, das hat für alle enorme Auswirkungen", erläuterte Thell. Notfälle - etwa nach einem Verkehrsunfall - werden selbstverständlich weiter versorgt, betonte der Mediziner.

Triagierungsteams in Salzburg

In Salzburg ist die Lage besonders dramatisch, die Landeskliniken haben dort bereits ein sechsköpfiges Triagierungsteam nominiert, das aus fünf Medizinern verschiedener Fachbereiche und einer Juristin besteht. Sie müssen dann entscheiden, welche Patienten noch intensivmedizinisch behandelt werden können. Thell betonte jedoch, dass das Personal in den Notfallaufnahmen und Intensivstationen auf sich allein gestellt sei. "Um 2.00 Uhr in der Früh gibt es keine Kommission, die Entscheidungen trifft. Diese müssen dann ad hoc getroffen werden", sagte der Intensivmediziner.