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Familie wurde wichtigerKriegsvermisste: Mit der Pandemie verdoppelten sich die Suchanfragen

Zwei Drittel aller Suchanfragen beim Roten Kreuz betrafen im Vorjahr Kriegsvermisste. Angehörige wollten endlich das Schicksal ihrer Verwandten klären.

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© (c) AP (FRANCK PREVEL)
 

„Nicht zu wissen, was mit Angehörigen passiert ist, reißt ein großes Loch in Familien. Die quälende Ungewissheit überdauert sogar Jahrzehnte und Generationen“, sagt Claire Schocher-Döring, Leiterin des Suchdienstes Rotes Kreuz. Jedes Jahr werden rund 500 Suchanträge beim österreichischen Suchdienst gestellt, zwei Drittel der Anfragen betreffen üblicherweise aktuelle Fälle, ein Drittel vergangene Konflikte – 2020 war es umgekehrt. „Viele haben die Zeit während der Pandemie genutzt, um ungeklärte Schicksale in der eigenen Familiengeschichte aufzuklären“, sagt Schocher-Döring.

Die Coronapandemie hat zumindest etwas Positives bewirkt: Das der Wert der Familie von den meisten wieder geschätzt wird. Und so wollen sie auch verstärkt wissen, was mit ihren Lieben geschehen ist, die aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurückgekehrt sind.

(c) Rotes Kreuz/Friedrich Dumforth
Die einzigen Erinnerungsstücke an Friedrich Dumforth © (c) Rotes Kreuz/Friedrich Dumforth
Nur das blieb vom Großvater

Einer von ihnen ist der Niederösterreicher Sebastian Dumforth. Der 41-Jährige hat vergangenen Dezember einen Suchantrag beim Roten Kreuz gestellt. Sein Großvater Friedrich Dumforth, war nie aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt, die Familie wusste nicht was passiert war. „Mein Vater hat seinen Vater nie kennengelernt. Eine Taschenuhr, Fotos und ein Brief ist alles, was ihm geblieben ist. Das war immer Thema in unserer Familie, wie eine offene Wunde, die man nicht mit einem Pflaster überkleben kann“, sagt Dumforth.

Sebastian Dumforth
Sebastian Dumforth Foto © (c) ÖRK / Foto Georg Wilke

Zwei Monate später hatte er Gewissheit. Mithilfe des Suchdiensts erfuhr er, dass sein Großvater Ende März 1945 in Danzig in sowjetische Gefangenschaft geriet. Wenige Monate später, am 30. Jänner 1946, verstarb Friedrich Dumforth an Unterernährung in einem Kriegsgefangenenlager in Sibirien
 
„Das ist wie ein verlorener Puzzlestein, den wir lange gesucht haben. Meine Familie hat jetzt endlich Gewissheit, was mit meinem Großvater passiert ist. Wir wissen, woran er gestorben ist. Wo er begraben wurde. Für meinen Vater ist das unbeschreiblich viel wert“, sagt Dumforth.

Suchdienst des Roten Kreuzes

Der Suchdienst des Roten Kreuzes hilft seit über 150 Jahren, Antworten zu geben, und aufgrund von Kriegen, Naturkatastrophen oder durch Migration getrennte Familienangehörige wieder in Kontakt zu bringen. Jede Stunde kann mithilfe des internationalen Rotkreuz-Netzwerks  das Schicksal von zwei vermissten Personen geklärt werden.

„Der Suchdienst ist eine der ältesten Aufgaben des Roten Kreuzes. Zu wissen, wo meine Familie ist, ist ein Menschenrecht. Wir geben Familien Antworten und helfen, vermisste Familienmitglieder wieder zu finden“, sagt Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer.

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