Der Passierschein, den man braucht, um das Krankenhaus überhaupt betreten zu dürfen, ist hier wertlos. Die zweiflügelige Tür zu Station 23 öffnet sich nur mit Chipkarte. Arschang Valipour ist einer der wenigen, die eine besitzen.

Der Lungenfacharzt leitet die Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie in der „Klinik Floridsdorf“. Das Wiener Großspital ist laut Pandemieplan eines der ersten Krankenhäuser, die Covid-Patienten behandeln. 38 Betten werden momentan für sie gebraucht, 800 gibt es insgesamt. Trotzdem stellen die Corona-Patienten das Ärzte- und Pflegepersonal – in der Klinik Floridsdorf wie in ganz Österreich – vor enorme Herausforderungen.

Hinter der Schleusentür, die sich für Arschang Valipour öffnet, führt ein langer Gang zu jener Intensivstation, auf der Covid-Patienten behandelt werden. Sieben sind es derzeit. Sie sind nicht bei Bewusstsein und werden durch eine Hohlsonde in der Luftröhre künstlich beatmet. „Irgendwo bimmelt es auf einer Intensivstation immer“, sagt Valipour. Wenn der Blutdruck einen Grenzwert übersteigt oder das EKG ausreitet, schlagen die Maschinen Alarm. Bei Covid-Patienten ist das besonders kritisch: „Das Risiko für ein akutes Lungenversagen ist bei ihnen viel größer als bei anderen Infektionen“, sagt Valipour, „Covid-Patienten werden deshalb noch engmaschiger kontrolliert.“ Als Lungenfacharzt ist er mit Infektionskrankheiten vertraut, auch Patienten mit Tuberkulose hat er schon behandelt. Doch nie gab es so viele Patienten mit einem derart hohen Betreuungsaufwand auf einmal.

In Covid-Zeiten braucht er ein Drittel mehr Personal auf der Intensivstation als im Regelfall, rechnet Valipour vor. Für die sieben Patienten von Station 23 sind innerhalb von 24 Stunden 13 Pflegefachkräfte und vier Ärzte im Dienst. Dazu kommt eigens geschultes Versorgungs- und Reinigungspersonal.

Intensivkrankenpflegerin Romana Helm
Intensivkrankenpflegerin Romana Helm
© Akos Burg

Auch Romana Helm hat heute Dienst auf Station 23. Sie ist Intensivkrankenpflegerin und „angedirndelt“, wie man es in der Klinik nennt. Sie trägt eine gut abdichtende Maske, eine Brille und darüber ein Gesichtsvisier. Die Haare sind unter einer Haube verpackt, die Hände in Handschuhen. Über dem Mantel trägt sie eine Schürze. Egal, ob sie Katheter reinigt oder Zähne putzt, Blut abnimmt oder Wunden versorgt: Vor jedem Kontakt mit einem Covid-Patienten muss die Montur angelegt werden. Bimmelt es – wie heute – häufig, können in einer Schicht schon einmal sechs Stunden in Schutzuniform zusammenkommen. Die Brille hinterlässt dann tiefe Striemen auf der Stirn, die dünne Haut auf dem Nasenflügel ist vorsichtshalber mit Pflastern überklebt. Etwa eine Stunde am Tag ist jeder, der mit Covid-Patienten Kontakt hat, mit dem An- und Ausziehen der Schutzkleidung beschäftigt.

Das gilt auch für jene 26 Covid-Patienten, die in der Klinik auf einer normalen Station liegen. Fünf Personen werden in einer Vorstufe zur Intensivstation durch eine eng anliegende Maske von einem Gerät beatmet. Sie sind bei Bewusstsein und können mit ihren Familien zumindest selbst Kontakt halten. Besucht werden darf keiner von ihnen. „Nur im Endstadium der Krankheit sind Besuche erlaubt“, sagt Valipour, „wenn es für Verwandte darum geht, den Patienten zum letzten Mal lebend zu sehen.“ Alleine sterben musste noch kein Covid-Patient in der Klinik Floridsdorf.

Lungenfacharzt Arschang Valipour
© Akos Burg

Zwischen zehn und fünfzehn Prozent aller Patienten, die jetzt auf einer normalen Station liegen, werden in den nächsten Tagen ein Intensivbett brauchen. „Derzeit müssen wir jeden Tag einen Patienten von der Normal- auf die Intensivstation überstellen“, sagt Valipour. Der Verlauf sei immer ähnlich: Fünf bis sieben Tage nach den ersten Symptomen kommt es zu einer Aufnahme im Spital, nach weiteren drei bis fünf Tagen wird bei einem Teil der Zustand so kritisch, dass beatmet werden muss. Wer einmal ein Intensivbett braucht, liegt dort meist lange. Im Durchschnitt verbringen Covid-Patienten zwei bis drei Wochen auf der Intensivstation. Im Regelbetrieb können die meisten Patienten, die etwa nach einer schweren Operation auf die Intensivstation kommen, nach zwei Tagen wieder von der künstlichen Beatmung entwöhnt werden. „Bei Covid-Patienten kann das bis zu sechs Wochen dauern“, sagt Valipour.

Derzeit müssen noch keine Operationen verschoben werden, um Kapazitäten freizuhalten. Es gibt noch genug Personal und Krankenhäuser, die Betten anbieten können. Doch die Infektionsentwicklung macht auch dem Team der Station 23 Sorgen: In ganz Österreich liegen derzeit 133 Covid-Patienten auf der Intensivstation. Vor einer Woche waren es 99, vor einem Monat 55. Das veranlasste drei intensivmedizinische Fachgesellschaften letzte Woche, gemeinsam vor einer Fehleinschätzung von vermeintlich niedriger Zahl an Hospitalisierungen zu warnen. Denn die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen wächst zwar mit Verzögerung, aber unaufhaltsam.