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Gedenkfeiern eingeschränktHolocaust-Überlebende leiden unter Coronakrise

Der Tag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus kann nicht in der Hofburg stattfinden, ebenso nicht die Befreiungsfeiern in Mauthausen. Kritik gibt es auch am Begriff "Social Distancing"

© (c) APA/AFP/LIONEL BONAVENTURE (LIONEL BONAVENTURE)
 

Das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs wird in Österreich von der Coronakrise überschattet. Der Tag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus kann nicht in der Hofburg stattfinden, ebenso nicht die Befreiungsfeiern in Mauthausen. Viele Holocaust-Überlebende erleben eine "Retraumatisierung", berichtet die Nationalfonds-Generalsekretärin Hannah Lessing.

Isolation und die Sorge vor der Pandemie - "man darf nicht vergessen, was das mit Menschen macht, die schon einmal Ausgrenzung und Angst durchgemacht haben", sagt Lessing im Gespräch mit der APA. "Für sie bin ich jetzt mit meinen Mitarbeiterinnen da." 6.000 bis 7.000 Holocaust-Überlebende gibt es noch, schätzt sie. Zu Beginn des Nationalfonds vor 25 Jahren waren es etwa 30.000 Antragsteller.

"Die Überlebenden brauchen uns gerade jetzt besonders", erklärt Lessing, die den Begriff "Social Distancing" "unerträglich" findet: "Das ist wirklich ganz falsch! Ja, physisch sollen wir uns nicht auf zwei Meter nähern, deswegen können wir trotzdem solidarisch und einander sozial nah sein", sagt Lessing, die für gewöhnlich mit den österreichischen Holocaust-Opfern in der ganzen Welt im Kontakt ist. Anstelle des persönlichen Treffens weicht sie nun auf Telefon, Skype oder Zoom aus. Gleichzeitig fehlen Lessing die Antragsteller und die Reisen zu ihnen sehr, wie sie selbst sagt.

Der Nationalfonds

Der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus wurde 1995 gegründet, um die besondere Verantwortung der Republik Österreich gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus zum Ausdruck zu bringen. Er erbringt Leistungen an NS-Opfer, insbesondere an Personen, die keine oder eine völlig unzureichende Entschädigungen erhielten, die in besonderer Weise der Hilfe bedürfen oder bei denen eine Unterstützung aufgrund ihrer Lebenssituation gerechtfertigt erscheint.

Die Überlebenden gehen aber sehr unterschiedlich mit der Situation um, berichtet Lessing: "Jeder geht mit seinen Ängsten anders um." Viele leiden unter Vereinsamung und hätten Angst, krank zu werden und allein zu sterben, erzählt sie. Manche Betroffene, die den Zweiten Weltkrieg in einem Versteck überlebt haben, erachten die Lage im Vergleich zum Krieg aber als weniger schlimm. Immerhin können sie noch einkaufen gehen und mit Verwandten auf elektronischem Weg im Kontakt sein.

Die in den USA lebende gebürtige Wienerin Hedi McKinley wiederum, die vergangene Woche ihren 100. Geburtstag feierte, erlebt die Zeit mit Ungeduld. Sie will die Krise möglichst schnell hinter sich bringen, um wieder mit Studenten diskutieren und ihre Geschichte erzählen zu können, so Lessing. Ihren 99. Geburtstag hatte McKinley noch in Wien gefeiert.

"Schlimm" ist für Lessing, dass sie manche Überlebende jetzt nicht erreichen kann. Zwei Antragstellerinnen aus New York etwa heben seit Wochen das Telefon nicht ab. "Ich möchte wissen, ob es ihnen gut geht und ob sie versorgt sind."

Der Nationalfonds habe in den 25 Jahren ein Netzwerk aufgebaut und arbeite mit Organisationen zusammen, die Überlebende aus Österreich in über 70 Ländern unterstützen, etwa in den USA und Israel. In Österreich unterstützt der Nationalfonds zudem Institutionen, die Holocaust-Überlebende betreuen, wie etwa das psychosoziale Zentrum ESRA.

Auch in der Coronakrise funktioniert der Nationalfonds mit seinen mehr als 30 Mitarbeitern weiter, nur eben im Home Office. Auch die Planungen und Projekte gehen weiter, wie die jüdischen Friedhöfe, die Gedenkstätte in Auschwitz und Shoah-Namensmauern in Wien.

Das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs wurde heuer ins Fernsehen und ins Internet verlagert, sagt Lessing - "man hat eine an die außergewöhnlichen Umstände angepasste Form des Gedenkens gefunden".

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