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Stummes VerschwindenInsektensterben in Österreich: "Es bräuchte wesentlich größere Anstrengungen"

Zahlen aus Deutschland belegen einen Insektenschwund um mehr als 75 Prozent – in Österreich dürfte die Situation ähnlich sein. Die Folgen sind gravierend.

Tagpfauenauge (Inachis io)
Die Zahl der Insekten sinkt rasant. Die Hälfte der heimischen Schmetterlinge sind gefährdet. © DirkR - Fotolia
 

Eine im Fachmagazin „Plos one“ veröffentliche Studie belegt einen massiven Rückgang an Fluginsekten in Teilen Deutschlands. Wissenschaftler aus mehreren Ländern bestätigen: Seit 1989 nahm die Gesamtmasse um mehr 75 Prozent ab. „Ein Schwund wurde bereits lange vermutet, aber er ist noch größer als bisher angenommen“, erklärt Caspar Hallmann von der Radboud Universität in Nijmegen in den Niederlanden.

Die der Studie zugrundeliegenden Daten beziehen sich aus einer seltenen und daher sehr kostbaren Datensammlung des Entomologischen Vereins Krefeld. Die ehrenamtlichen Insektenkundler untersuchten seit 2989 an insgesamt 63 Standorten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und in Brandenburg mit sogenannten Malaise-Fallen die Masse an Fluginsekten. Dadurch ergibt sich ein Vergleichsmöglichkeit über fast drei Jahrzehnte.

Leblose Flussufer, tröstende Wälder

Der Befund lässt sich auch auf Österreich übertragen: "Wir haben in Österreich 45.000 Tierarten, davon sind 37.000 Insektenarten", erläutert der Zoologe Klaus Peter Zulka vom Umweltbundesamt. Diesen großen Bestand  zu überblicken, sei schwierig. Detaillierte Zahlen über die Insektenbestandsentwicklung in Österreich würden daher zwar fehlen, die Problembereiche seien aber dieselben wie in Deutschland: "Das legt nahe, dass die Situation bei uns ähnlich ist", erklärt Zulka, der die Erstellung der Roten Listen in Österreich koordiniert.

 

Umweltbundesamt/B.Gröger
Klaus Peter Zulka: „Jeder verbaute Quadratmeter ist ein Quadratmeter weniger für Insekten." © Umweltbundesamt/B.Gröger

Die heimische Insektenwelt ist von vielen Seiten bedroht: Einflüsse von Klimaveränderung und Pestizide sind die großen Themen. Verbauung von Flussufern, verschwindende Trockenrasengebiete sind Beispiele für die vielen Lebensraum zerstörenden Spezialfälle. Positive Entwicklungen ortet Zulka hingegen im Wald: Die Totholzanteile steigen und die Waldfläche nimmt in Österreich generell zu. Negative Auswirkungen zeigt hingegen das österreichische Spezifikum der raschen Flächenversiegelung: „Jeder verbaute Quadratmeter ist ein Quadratmeter weniger für Insekten. Hinzu kommt ein fragmentierender Effekt: Viele Arten kommen über die Barriere Autobahn niemals drüber."

Intensive Landwirtschaft als zentrales Problem

Insbesondere die zunehmend intensive Landwirtschaft macht Insekten laut Zulka zu schaffen: "Seit Ende des letzten Jahrtausends nimmt die Menge an Pestiziden zu und die Konzentrationen werden höher – das wirkt sich auf Insekten besonders aus."Ähnlich lautet der Befund von Teja Tscharntke, Agrarökologe an der Georg-August-Universität Göttingen: "Der Insekten-Rückgang zeigt, dass Schutzgebiete in nur noch sehr geringem Maße als Quellhabitate für die Besiedelung der Agrarlandschaft dienen können." Die Intensivierung der Landwirtschaft sei eine plausible Ursache für den Rückgang. Zu den Faktoren gehörten unter anderem große Felder, nur wenige schmale Feldränder und wenige Hecken und Gehölze. 

In der Pflanzenschutzmittel-Industrie sieht man das naturgemäß anders: Christian Stockmar, Obmann der IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP) ortet in einer Aussendung "eine Kampagnenwissenschaft begleitet von Agrar-feindlichen Reflexen". Er spricht von Panikmache.

"Bräuchte wesentlich größere Anstrengungen"

Besser dokumentiert als Insektenbestände sind in Österreich jene von Vögeln, die unmittelbar von Insekten als Nahrung abhängig sind: Seit 1998 sank die Zahl der gängigen Feldvögel um mehr als 40 Prozent, erklärt Birdlife-Ornithologe Norbert Teufelbauer. Zwar gäbe es punktuelle Verbesserungen durch das Agrarumweltprogramm, „aber man muss in Summe sagen, dass das noch nicht ausreichend ist, um eine Trendwende herbeizuführen", sagt Teufelbauder, der betont: „Da bräuchte es wesentlich größere Anstrengungen.“

Sterben die Insekten also aus? Zoologe Zulka hält wenig von alarmistischen Formulierungen. „Die Beschreibung des Insektensterbens ist aber nicht übertrieben, am grundsätzlichen Befund lässt sich nicht rütteln.“

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