"Pack deine Sachen, ich komme dich holen. Wenn alles in zwei, drei Tagen aufhört, kommen wir wieder. Wenn nicht, warten wir, bis alles wieder normal ist": Es ist eine Sprachnachricht, die das Leben von Sofiia Dzekaniuk von heute auf morgen um 180 Grad dreht. Es ist der 1. März: Der Krieg in ihrem Heimatland, der Ukraine, dauert seit fast einer Woche an, als ihr Vater ihr diese Nachricht schickt. "Es war der sechste Tag des Krieges und der sechste Tag ständiger Stimmungsschwankungen. Gefühle von Angst und Stress haben sich abgewechselt mit positiven Prognosen und Hoffnungen auf das Beste", erinnert sich die 17-Jährige im Interview mit der Kleinen Zeitung an den Tag zurück, an dem sie ihre Heimat verlassen würde.

Und plötzlich lebt man im Krieg

Die Tage davor sind gezeichnet von einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Auf ihren Handys scrollen sich Sofiia und ihre Mutter Tag für Tag durch die Nachrichten, oft stundenlang. Verzweifelt versuchen sie sich davon zu überzeugen, dass die Situation vielleicht doch nicht so furchterregend ist, dass alles ein schlechter Scherz ist.

Zwischen dem stundenlangen Scrollen geht die junge Frau nach draußen, um Essen und Wasser zu besorgen. Die Schlangen vor den Geschäften sind teilweise so lang, dass Sofiia – während ihre Schwester am Anstehen ist – bei zwei anderen Läden Besorgungen machen und sie nach Hause bringen kann, nur um beim Zurückkommen ihre Schwester immer noch in der Schlange anstehend vorzufinden. "Nicht einmal die Flugzeuge, die über uns hinweg flogen, hätten auch nur eine Person dazu bewegen können, die Schlange zu verlassen. Jeder wollte sich selbst schützen, zumindest in puncto Lebensmittelversorgung."

"Die Hausaufgabe ist zu überleben"

Struktur gibt es in den ersten Tagen im Krieg kaum, bisherige Routinen fallen plötzlich weg. Ihre Schule sei nun auf Urlaub, so die offizielle Meldung, die Sofiia und ihre Klassenkameraden bekommen. "Ich hatte keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Weil es mein Abschlussjahr war, hatte ich bereits geplant, meine letzten Prüfungen zu schreiben und dann zur Uni zu gehen. Aber nachdem der Krieg ausgebrochen ist, war ich komplett verloren." 

Was ihr und ihren Schulkolleginnen und -kollegen hilft? Schwarzer Humor. "Ich glaube, das war es, was die Stimmung mehr oder weniger stabil gehalten und uns geholfen hat, nicht verrückt zu werden. Wir hatten zum Beispiel diesen einen Witz: 'Was ist die Hausaufgabe?', 'Die Hausaufgabe ist zu überleben.'"  

"In Tränen ausgebrochen bin ich nur zweimal"

Als Sofiias Vater von einem Freund schließlich Satellitenfotos geschickt bekommt, die kilometerlange, sich auf Kiew zu bewegende Konvois des russischen Militärs zeigen, ist ihm klar, dass er seine Kinder aus dem Land bringen muss. "Auf den Fotos waren nicht nur Panzer zu sehen, die Truppen hatten auch Feldküchen. Also war klar, dass sie sich darauf vorbereitet hatten, lange zu bleiben." 

Die Angst, die sie in diesen Tagen verspürt, versucht Sofiia nicht an sich heranzulassen. "In diesem Moment habe ich jegliche Gefühle, die ich hatte, ignoriert. Die meiste Zeit habe ich versucht, irgendwie positiv zu bleiben." Nicht nur für sich, sondern auch für ihre beiden jüngeren Schwestern, die sechs und neun Jahre alt sind. "In Tränen ausgebrochen bin ich nur zweimal: Einmal, als meine Großmutter mich bat, meine Schwestern zu beschützen, weil ich stark bin. Und das andere Mal, als wir das Land verlassen mussten." 

Weltflüchtlingstag Sofiia Dzekaniuk
Sofiia mit ihrem Vater und ihren beiden jüngeren Schwestern.
© Sofiia Dzekaniuk

Ankommen: Ein neues Leben in Graz?

Mittlerweile lebt Sofiia mit ihren beiden jüngeren Schwestern und ihrer Mutter seit einigen Monaten in Graz. "Für uns alle hat ein neues Kapitel begonnen." Eigentlich hätte die junge Frau mit ihren Klassenkameradinnen und -kameraden heuer ihren Schulabschluss gefeiert. Stattdessen hat sie ihre letzten Prüfungen nun online absolviert.

Eigentlich würde es jetzt zur Uni gehen – nach allem, was passiert ist, fühlt sie sich dafür aber noch nicht bereit. Deswegen besucht sie seit Kurzem eine bilinguale Schule in Graz: "Es ist gerade eine gute Möglichkeit, nochmal ein Jahr in die Schule zu gehen und mich dann langsam auf die Universität vorzubereiten. Ich denke, dass das auch für meine mentale Gesundheit besser wäre."

"Mein Plan: Studieren und dann nach Hause zurückkehren"

Sofiia möchte die Zeit außerdem nutzen, um sich darüber klar zu werden, wie ihre Zukunft aussehen könnte – auch abseits von ihrem Heimatland, obgleich der Gedanke schmerzt. "Im Moment wäre es unmöglich, in der Ukraine zu studieren." Aktuell denkt die 17-Jährige darüber nach, Journalistin zu werden oder Kommunikation zu studieren. Dafür hat sie vor kurzem ein Praktikum bei der Kleinen Zeitung absolviert. "Ich möchte beruflich auf jeden Fall etwas machen, das mit Menschen zu tun hat. Denn ich mag es sehr, mit Leuten zu sprechen, sie kennenzulernen und zu reisen."

Sofiia Dzekaniuk während eines Praktikums bei der Kleinen Zeitung.
Sofiia Dzekaniuk während ihres Praktikums bei der Kleinen Zeitung.
© (c) Juergen Fuchs (FUCHS Juergen)

Auf die Frage hin, ob sie Hoffnung hat, in die Ukraine zurückkehren zu können, antwortet sie: "Ja, ich hoffe sehr, dass der Krieg bald endet. Im Ausland zu studieren, war zwar vor dem Krieg schon mein Traum, aber jetzt wünsche ich mir nichts mehr, als nach dem Studium nach Hause zurückzukehren und zu helfen, unser Land wieder aufzubauen."

Video: "Fast vier Monate Krieg: Wie geht es geflüchteten Ukrainern im Ausland?"