Wann wird dieser Krieg in der Ukraine enden? Eine Frage an Militärstrategen, die seit Monaten Kaffeesudleserei provoziert. Mit der gestrigen Teilmobilmachung in Russland wird klar, was die meisten Militärstrategen offen oder hinter vorgehaltener Hand sagten: Es sei naiv anzunehmen, dass ein Autokrat mit der Persönlichkeitsstruktur des Wladimir Putin mit gesenktem Haupt sich nach den Erfolgen der ukrainischen Armee aus der Ukraine zurückziehen werde. Ein prominenter Stratege an der Universität der deutschen Bundeswehr in München hat übrigens vor Monaten davor gewarnt, Russland in eine militärische und politische Niederlage zu treiben.
 
Ob solche Versuche einer differenzierten Analyse verstanden werden? Sie werden wohl eher missverstanden. Wie auch jene sofort als Putin-Versteher verbal niedergeknüppelt werden, die wie dieser Politikwissenschafter und Militärstratege nüchtern auf moralische Doppelstandards verweisen: Sanktionen gegen Russland, aber Kooperation mit Saudi-Arabien oder Aserbaidschan.
 
Aserbaidschan hat nun auch die deutsche Links-Politikerin Sarah Wagenknecht als Beispiel für Doppelmoral angeführt. Aserbaidschan sei Deutschlands „neuer Gaskumpel“. Zu befürchten? Dass wir bald in allen EU-Ländern von extrem Rechten wie Linken hören werden, was Wagenknecht gerade im Deutschen Bundestag unter großem Protest auch aus den eigenen Reihen sagte. Dass die EU einen „beispiellosen Wirtschaftskrieg gegen unseren wichtigsten Energielieferanten“ führe. Und dass immer lauter Wagenknecht-Parolen wie „Wir helfen der Ukraine nicht, indem wir unsere Wirtschaft ruinieren und unsere Bäcker und Handwerker in die Pleite schicken“ zu hören sein werden.
 
Populistische Vereinfachungen, die in manchen Ecken gerne gehört werden. Aber je länger dieser Krieg dauert, umso höher die Strompreise werden, je mehr Menschen in der EU von Armut bedroht werden, desto lauter werden Wagenknecht & Co eine Frage in den Mittelpunkt rücken: Wirken die Sanktionen? Und: Können es sich EU-Länder leisten, Rohstoffe und Energie nur in ausgewählten Demokratien zu kaufen?
 
Eine Frage, die keiner hören will, weil die Antwort beschämt. Zumindest jene, die wissen oder nicht verdrängen, dass Energie das Rückgrat des gesamten europäischen Wohlstandes, von Millionen von Arbeitsplätzen und wohl auch das Rückgrat für die Stabilität unserer demokratischen Systeme ist. Die Konsequenz? Ein Ja zu weiteren Sanktionen gegen Russland und ein Ja zu Doppelstandards? Gespräche mit der Türkei und China? Historiker werden uns in zehn oder 20 Jahren erklären, an welcher Weggabelung die EU richtig oder falsch abgebogen ist.
 
Die gestrige Drohrede Putins gegen den gesamten Westen können Sie in unserer heutigen Ausgabe nachlesen.        
 
Einen Tag ohne schwierige Fragen wünscht Ihnen