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Danke für die EhrlichkeitStumme Verkäufer nehmen das Gute im Menschen vorweg

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

© Kleine Zeitung
 

Guten Morgen!

Sie wissen, was ein Stummer Verkäufer ist. Gar keiner. Stumme Verkäufer sind offene Zeitungstaschen mit optimistischen Aufschriften, die das Gute im Menschen vorwegnehmen: „Danke für die Ehrlichkeit“. Man sagt auch Stummer Verkauf. Es gibt ihn seit den frühen Sechzigern, als die Trafiken sonntags nicht mehr aufsperrten. In Amerika gibt es verschlossene Automaten mit bruchsicherem Glas, das Land hat ein realistischeres Menschenbild, allerdings gibt es dort in Städten wie Washington Zeitungsautomaten, die keine Zeitungen mehr haben, weil sie nicht mehr befüllt werden. Das ist ein sehr Stummer Verkauf.

Anders als auf den Gladiolenfeldern stellen wir keine versteckten Kameras auf und täuschen auch keine vor. Der Käufer ist allein. Es soll vorkommen, dass er – geschlechtsspezifische Unterschiede wurden nicht erhoben – sich vor dem Kaufakt in freier Natur des Alleinseins vergewissert, in der Regel durch einen verstohlenen Blick nach rechts und links, manchmal auch zuerst links und dann rechts. Das macht im Schnitt einige wenige Cent pro Zeitung, ein besonders einträgliches Geschäftsmodell ist die stumme Sonntagsehrlichkeit nicht.
 
In die Kalkulation eingerechnet ist übrigens eine zweite Währung, die sich als offizielles Zahlungsmittel im Wirtschaftsleben noch nicht durchgesetzt hat: 5000 Knöpfe werden Jahr für Jahr durch die Schlitze geworfen. Das unter den rostfarbenen Münzen entdeckte Zahlungsmittel hat uns dann doch überrascht und ins Staunen versetzt: Zwei- oder Vierlochknöpfe sind es in der Regel, wie sie an Hemden oder Blusen vorkommen, hier kommen sie zweckentfremdet als Münzattrappe zum Einsatz. Auch weiße Zwirnknöpfe aus Bettgarnituren finden sich darunter, wo der Leinen- oder Baumwollgarn sternförmig um einen dünnen Metallring geführt wird, bis sich eine geschlossene Fläche ergibt, geschlossen wie ein Zehn-Cent-Stück, die armen Betten daheim, was für ein aufwendiger Raubbau.
 
Wie viele Knöpfe die beiden Kleider der Salzburger Buhlschaft haben, entzieht sich unserer Kenntnis, wir zählen nur unsere. Dafür wissen wir seit Mittwochabend, welche Farben es sind: Nude und Rot, Hey Nude titelt das Portal ORF.at in Anlehnung an einen endlos schönen Beatles-Song. Tobias Moretti hat da bei der Präsentation vor den Medien nur eine Nebenrolle gehabt, das einzige Mal, wo er Statist eines Schauspiels ist. Zuvor trafen wir den 61-jährigen Star im Salzburger Buberlhof, seinem Lieblingslokal, zum Interview. Moretti kam mit seiner hell bellenden KTM und mit seiner Tochter. Er verriet uns, warum er auf der Bühne in Zeiten der Pandemie trotzdem küssen darf, mit wem er vertraglich abends ausgehen darf und wie eine Läuterung der Gesellschaft nach der Krise ausschauen müsste, bereinigt um „dieses Zuviel, um das Überschwappende, um das Unmaß und die gelangweilte Unzufriedenheit an der Schwelle zur Dekadenz“. Das Gespräch können Sie am Sonntag lesen, auch über den Stummen Verkauf und den freien Zahlungsverkehr, und wenn es sein muss, auch als heimliche Knopfgeburt.
 
Einen schönen Sommertag wünscht

Kommentare (4)

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Plantago
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Eine Zeitung zu fladern, ist mir noch nie eingefallen.

Wer dafür kein Geld hat, soll sich gleich eingraben lassen. Es hat ja einen Paradigmen-Wechsel gegeben von "Gott sieht alles" zu "Das Karma merkt sich alles", - das hat sich aber noch nicht so weit herum gesprochen. Und: die Druckausgabe hat durchaus ihren Reiz und auch ihre Vorteile. Da geht es dann nicht mehr so sehr um Aktualität, sondern um ruhiges Lesen, interessiertes Verweilen auf manchen Seiten und das haptische Vergnügen des Blätterns. Die Zeitung ist die kleine Schwester des Buches und wird als solche immer ihre Leser finden.

mobile49
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du hast sehr poetisch beschrieben

was es ist, das tägliches vergnügen bereitet

zweigerl
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Wie teuer darf Print sein?

Habe auch ein SonntagsAbo und bin daher "grundsätzlich" kein verstohlener StummerVerkäuferFladerer, der hier mit aller Beschreibungskunst von einem Chefredakteur papierlt wird (Den möchte ich kennen, der den vollen Preis erlegt). Das Problem liegt tiefer: Die Papierzeitung hinkt einfach diesen ständigen News-Bombardierungen durch den NachrichtenTicker hinterher. Ja, es gibt lesenswerte kolumnistische Beiträge. Dazu würde ich eher nicht die Esoterik-Plattitüden eines Expolitikers und die biedermeierlichen Reportagen eines leidenschaftlichen Familienvaters zählen, aber die Mischung stimmt und somit auch die Obulusaufforderung des Stummen Verkäufers in Prozenten des Kaufpreises.

mobile49
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@zweigerl

hiermit kennst du einen- nun ja, wenigstens den nick einer person, die es tiefst unter ihrer würde ansehe, wenn sie für einen konsum nicht bezahlen würde!
ein zeitungsständer ist doch keine einladung zum gratiskonsum!
uns kindern wurde von den eltern ehrlichkeit vorgelebt, genau wie "bitte" "danke" und "grüß gott" und "fremdes gut ist kein eigengut"!