Offen gesagtEin gutes Smartphone hält sein wohldressiertes Wirtstier konstant auf Trab.

Ein gutes Smartphone hält sein wohldressiertes Wirtstier konstant auf Trab.

 

Warum eigentlich klingt der Spruch so entlastend, der da im Netz die Runde macht? „Damals wussten wir, wo das Telefon ist und nicht umgekehrt“ erklärt in knappen Worten das tief sitzende Unbehagen, das sich in Jahren beruflicher wie privater Nutzung des vielseitigen Geräts aufgestaut hat. Umkehr der Besitzverhältnisse. Dass das Ding weiß, wo sein Eigner sich aufhält, ist nicht einmal der bedrohlichste Aspekt dieser Leibeigenschaft. Wir haben das Smartphone gelehrt, Befehle zu erteilen, und zögern nicht, sie allzeit prompt zu befolgen.

Telefone konnten das doch auch, werden Sie einwenden. Aber Telefone waren eben nicht immer zur Stelle und sie konnten nicht mehr als Gespräche vermitteln. Das wunderbar intelligente Produkt in unserer Westentasche aber klingelt nicht nur bei Anrufen. Es warnt, wenn Termine anstehen, bimmelt, wenn Kurzmeldungen hereintrudeln, läutet an völlig unpassenden Orten, beim Requiem, in der Oper. Es unterbricht impertinent unseren Alltag, ob wir arbeiten oder einfach nur ein Buch zu lesen versuchen. An einem normalen Werktag, bei eingeschalteten Alarmfunktionen hält es sein wohldressiertes Wirtstier konstant auf Trab.

Den Erfindern könnte das eigentlich nur recht sein. Je mehr sich die Kunden mit ihren Produkten beschäftigen, je abhängiger sie sind, desto besser. Manches aber deutet darauf hin, dass ein Wendepunkt erreicht ist. Neue Software-Updates bei Apple, Google, facebook und Twitter zeigen dem Nutzer, wie oft er sein Handy nutzt.

Dahinter steht nicht reine Menschenliebe, sondern die Angst vor geschäftsschädigenden Gegenreaktionen der Genervten. Verweigerung, Abmeldung, gar Sammelklagen im Fall von Suchtverhalten zeichnen sich am Horizont ab. Da scheint es den Anbietern klüger, vorzubeugen, Bereitschaft zu zeigen zur Erziehung zum richtigen Maß.

Leicht gesagt. Maß gehört nicht zum Tugendrepertoire unserer Tage. Die Autos schwellen von Jahr zu Jahr, als hätte Erwin Wurm sie aufgepumpt, Städte und Dörfer wuchern über die Wiesen, die Regale der Supermärkte biegen sich unter der Last der Geschmacksvarianten. Wie soll da ein einzelner gerade beim Kommunizieren Maß halten? Solange die technische Möglichkeit sofortiger Reaktion auch unsere Erwartungshaltung prägt, wird es schwer, sich dem Druck zu entziehen. Jedenfalls gehört ein starker Wille dazu.

Die ersten Tage nach Urlaubsbeginn bieten Gelegenheit zum Selbsttest. Wie lange schaffen Sie es, nicht hinzugreifen, wenn es bimmelt oder brummt? Wie oft am Tag stierln Sie in der mailbox, surfen nach Neuem, nach dem Wetterbericht, dem nächsten Restaurant? Hat sich der Griff zum genialen Kleincomputer schon so automatisiert wie beim Raucher das ungeduldige Klopfen auf den Boden der Zigarettenpackung? Dann ist es Zeit für eine Entwöhnungskur, eine Umschulung. Wenn möglich ohne Zigarette.

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