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Kolumne Valerie Fritsch: Der Mensch ist ein Leib gewordenes Chaos, das Hand und Fuß hat

Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Gefühle sind sehr unordentliche Regungen, mitunter selbst unmöglich, widersprüchlich, unpassend, und wenn man scharf überlegt, denkt man schnell: Der Mensch ist innendrin überhaupt ein unaufgeräumtes Wesen, ein Leib gewordenes Chaos, das Hand und Fuß hat. In den letzten Wochen hatte jeder ein Gefühl oder ein Mitgefühl, im Fernsehen und am Küchentisch gab es viele Aufwallungen zu den Geschehnissen in Moria. Die einen kamen verkleidet als Meinung, die anderen im Mantel der Pragmatik, manche sprachen aus moralischen Überlegungen und Überlegenheiten und manche aus politischen, einige waren bloß blindwütiger Hass.

Kategorien wurden vermischt, Gefühle, Lösungen und Ungerechtigkeiten verwechselt, der unvermeidliche Symbolcharakter jeder Position flog jedem, der eine bezog, augenblicklich um die Ohren. Weil es ein fundamentales Thema ist, dem sich das Herz nicht entziehen kann, ertrug man die abweichende Meinung des Nächsten umso schlechter. Die Welt ist kompliziert, das ist fair oder unfair enough, in jedem Fall unabweisbar. Die strengen Pragmatiker spotten so leicht, als wäre ein weiches Herz, das Mitgefühl hat mit Leid und Hoffnungslosigkeit, nur dumm und naiv, die Herzhaften wollen nicht immer viel von der Wirklichkeit wissen, in der systemisch alles Konsequenzen und Fernwirkungen hat, die man gar nicht mitbeabsichtigt. Jede einfache Lösung auf ein komplexes Problem muss ungenügend sein.

Aber was hätte ich für eine Angst vor einer Welt, in der man Mitleid und die Idee einer besseren, einer, wie sie mehr sein sollte, als einfacher Bürger und Mensch erst auf seine weitsichtige, kluge Machbarkeit abklopfen müsste, um dazu berechtigt zu sein. Sich abhalten zu lassen von Gefühlen und Meinungen, weil man in ihnen die aufgestauten Weltfragen, an denen Experten schon die längste Zeit scheitern, nicht mitlöst, wäre absurd. Es ist eine humanistische Rückenmarksentscheidung der Menschen. Ich selbst bin allgemein ein Freund des Pragmatischen, ich mag Effizienz, versuche – nicht immer erfolgreich –, den Komplexitäten hinterherzudenken und zu spüren. Der kompromisslose Blick auf die Dinge, wie sie sind, geht jenem voraus, der sieht, wie die Dinge sein könnten, und entbindet nie von Zärtlichkeit gegenüber dem Geschauten.

Aber ich möchte bei allen Effizienzgedanken stets lieber in einer Welt leben, in der mein Nachbar als Reflex, als Instinkt helfen will, wenn es jemandem schlecht geht, als in einer, die sich selbst unaufhörlich die Unmöglichkeiten davon erklärt. Denn: So ein Herz kann schon etwas, ohne ist man stets verloren, egal wie kompliziert die Welt ist. Und ich habe vor langer Zeit einen Satz gefunden von der Verlegerin Ulla Berkéwicz, den ich oft im Großen und Kleinen zu den verschiedensten Gelegenheiten vor mich hin murmle und der ungefähr so geht: Wir sind, was wir ermöglichen, man setzt auf das Gelingen des Unwahrscheinlichen, aus Notwendigkeit.

Kommentare (1)

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GordonKelz
1
3
Lesenswert?

Sehr pointiert!

Man sollte die "unaufgeräumten" Geschichten von Fr.Fritsch lesen und
" Sacken " lassen....wenn man die Zeit hat dazu, und nicht der Tisch an dem man sitzt
und der zwangsläufig alles mitbekommt,
auch mitreden möchte...
Ausgezeichnet
Gordon