Liebe Leserinnen, liebe Leser!
 
Im Tiefflug ging es zunächst über den Semmering, dann über die schneebedeckten Niederen Tauern, an Schladming vorbei, ehe der Hubschrauber bei St. Johann im Pongau zur Landung ansetzte. Wie bei einem Mini-Tornado wurde der Schnee in den Himmel gewirbelt. Erst als sich die Rotorblätter ausgedreht hatten, holten alle die Stöpsel aus den Ohren. Nach eineinhalb Stunden Flug bei gefühlten minus 20 Grad krallten Bundeskanzler Christian Kern, Verteidigungsminister Hans-Peter Doskozil und eine Handvoll Journalisten durchfroren aus dem Black-Hawk des Bundesheeres, der nur für die Piloten eine Mini-Heizung vorsieht, allerdings keine für den Frachtraum - warum denn auch? Im Bus ging es dann ins Innerste des Berges, die Handys mussten zuvor abgeben werden.
 
Die Visite an dem angeblich geheimsten Ort der Republik galt nicht dem spartanisch eingerichteten Regierungsbunker, dessen Interieur den Hauch der Mundl-Serien atmet, sondern dem Kommandoraum für die Luftraumüberwachung. Im Zuge des Rundgangs tauchte in einem Stollen ein Großrechner auf, erst auf Nachfrage war zu erfahren, dass es sich um das Back-up-System für das Schengen-Informationssystem handelt, in dem fast 100 Millionen Datensätze gespeichert sind: alle in der EU unerwünschten, vermissten, zur Fahndung ausgeschriebenen Personen, alle in Europa gestohlenen Fahrzeuge, Pässe, Dokumente, Nummerntafeln, gefälschte Banknoten, erbeutete Waffen. Wann auch immer bei der Einreise in den Schengen-Raum der Pass am Flughafen eingescannt wird, egal, ob in Wien, Lissabon, Helsinki oder Athen, im Polizeiauto Personaldaten abgefragt werden, egal ob in Sevilla, Nizza oder Kopenhagen, rattert im Salzburgischen der Supercomputer. Auch alle weltweit ausgestellten EU-Visa werden im Bunker abspeichert.
 
Mit dem Beitritt zu Schengen fallen nicht nur die Kontrollen an den Binnengrenzen. Um das Sicherheitsvakuum zu kompensieren, haben die Polizei- und Grenzbehörden der neu dazugekommenen Länder Zugriff auf den gigantischen Fahndungscomputer. Rumänen und Bulgaren müssen sich wegen des österreichischen Vetos um ein paar Monate gedulden.
 
Kern und Doskozil ahnten beim Besuch im Jänner 2017 nicht, dass Schengen auch die SPÖ in Turbulenzen stürzen würde. Parteichefin Pamela Rendi-Wagner hatte unlängst Sympathien für das Veto der Regierung gegen beide Balkanländer geäußert, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig tat am Samstag hingegen sein Unverständnis für das Manöver kund. Normalerweise liegen sich Rendi-Wagner und Burgenlands Landeshauptmann Doskozil bei der Migration in den Haaren, jetzt divergieren Ludwig und Rendi-Wagner. Schwenkt die Parteichefin auf den Doskozil-Kurs um? Oder ist alles nur ein Versehen?