Notizen eines VatersBussi auf Kommando

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Stolze Eltern sind rührend, aber zugleich auch nicht unanstrengend. Am liebsten reden sie über ihren Nachwuchs. Auch wenn verständnislose Mitmenschen auf die Jubelmeldung, dass das Mädi erstmals Mama gesagt hat oder aufs Topfi gegangen ist, mit totaler Teilnahmslosigkeit reagieren, sind sie kaum irritiert.

Es ist schon einige Zeit her, da war ich in einem Kaffeehaus interessierter, aber hinter einer Zeitung Deckung suchender Zuschauer folgender Szene. Oma und Opa sitzen mit ihrem Enkerl Mandi, vielleicht zwei Jahre alt, am Nebentisch und geben letzte Instruktionen: „Wenn der Onkel Karli und die Tante Grete kommen, gibst ihnen brav ein Bussi, gell?“ Der Kleine schüttet Zucker auf den Tisch, reagiert jedoch auf die Aufforderung indifferent: Er schweigt.

Da betreten Onkel Karli und Tante Grete das Lokal. Herzliche Begrüßung zwischen den Erwachsenen, Mandi schraubt weiterhin am Zuckerstreuer. „Gibst dem Onkel und der Tante jetzt ein Bussi?“ Emotionslos absolviert Mandi seine Pflichtübung – jedoch nur zum Teil. Lediglich Karli kommt in den Genuss der einstudierten Liebesbezeugung. „Und die Tante bekommt keines?“, fragt die Oma aufmunternd. Mandi, wieder am Zuckerstreuer hantierend, fühlt sich offenbar nicht angesprochen. „Du gibst jetzt auch der Tante ein Bussi!“, fordert der sichtlich nervöse Opa seinen Enkel auf. „Aber ich bitt´ dich, das macht doch nichts“, wirft die verschmähte Tante begütigend ein. Zu spät. Der Opa ist bereits aufgesprungen, entreißt Mandi den Zuckerstreuer und herrscht ihn mit bebender Stimme an: „Wenn du nicht auf der Stelle auch der Tante ein Bussi gibst, fahren wir nach Hause.“

Mandi brüllt: Er will den Zuckerstreuer wiederhaben – und bekommt ihn auch. „Ich weiß nicht, was mit dem Buben heute los ist. Sonst gibt er immer brav Bussi“, versucht die Oma die Niederlage zu erklären. Der Opa hat sich doch stärker echauffiert, als ihm lieb ist. Er geht auf die Toilette. In diesem Augenblick passiert es. Mandi beugt sich über den Tisch und küsst seine Tante. Gar nicht unwillig, sondern beinahe zärtlich.

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Danke für Ihr Verständnis.

lieschenmueller
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Als Kind der 60er-Jahre verbinde ich das Bussi-Geben-Müssen immer mit diesem "Duft". Den trugen die Damen der damaligen Zeit. Danach kommt die Erinnerung des Lodens vom Steiereranzug des Opas in die Nase.

Mandi hat es zumindest in die Hinsicht besser, Knickserl braucht er nicht zu machen. Hoffentlich aber auch keinen Diener.

DIE Zeiten sind doch allemal vorbei. Also überhaupt. Oder?

Dann lieber Zuckerstreuer :-)

DergeerdeteSteirer
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Toll und völlig richtig beschrieben, ....................

das Leben ist an sich sehr oft wie im Kabarett, man braucht nur mit offenen Augen und Ohren durch die Gegend schlendern, viele Leute blamieren und disqualifizieren sich mit ihrem Verhalten und mit ihren Sichtweisen stets selbst, da bleibt einem das verschmitzte Schmunzeln lange im Gesicht erhalten !