ImmobilienspekulantenDer Almhütten-Boom: Sag niemals "Chalets" zu ihnen!

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Einmal Durchatmen am Bilderbuch-Bauernhof in der Ramsau. Für meine Stadtkinder ein kleines Aha-Erlebnis - denn hier gibts nicht die erhofften Einhörner, sondern ein weißes Pony namens „Schneeflocke“ und außerdem Hasen, die sich selbst unter freudigstem Gekreische noch streicheln lassen. Fragt sich zwar, ob alle Tiere unsere Akkordfütterungen ohne Verdauungsprobleme überstehen werden, aber zumindest weiß der Nachwuchs jetzt, dass Hühner keine Eier legen, wenn man sie immerzu jagt…

Vom 450 Jahre alten Gehöft, das behutsam modernisiert und erweitert wurde, gleitet der Blick über die malerische Hochebene hin zu den Skibergen von Schladming und Haus. Dort unten im Tal findet die Idylle ein jähes Ende, wenn die Sprache auf das Ennstaler Betongold kommt. Umgeben von klotzigen Chaletdörfern und alpinen Luxusressorts, die unter vermeintlich „touristischer Nutzung“ nicht genehmigte Zweitwohnsitze beherbergen, geraten die Einheimischen zusehends in Rage. Korruptionsvorwürfe gegen Gemeinderäte und hitzige Bürgerversammlungen begleiten längst alle Großprojekte, die wie Schwammerl aus dem Boden schießen und den Baulandpreis zuletzt auf bis zu 1320 Euro pro Quadratmeter schraubten. Und die Landnahme der Immobilienspekulanten reißt kaum ab: Auch die Schönheit Bad Mitterndorfs, der Tauplitz und des Ausseerlandes blieb ihnen nicht verborgen, zahlreiche Almhütten-Siedlungen und mehrstöckige Appartementanlagen sollen bald die Nachbarregion zieren.

Das Verkaufskonzept ist simpel, aber bewährt: Unter Ausnutzung der maximalen Bebauungsdichte werden sogenannte „buy to let“-Objekte errichtet – Immobilien, die Anleger erwerben können, um sie gewinnbringend an touristische Betriebe, wie direkt angeschlossene Hotels, weiterzuvermieten. Dazu kommt es allerdings selten, nutzen die Eigentümer ihre Appartements doch meist selbst als Zweitwohnsitz, der ihnen aufgrund der Raumordnungsbestimmungen eigentlich verwehrt bliebe.
  
Der Umbau von Skiorten und Bergen macht auch vor Kärnten nicht Halt. Auf der Hochrindl und der Gerlitzen, am Klippitzthörl und Goldeck fahren schon die Baukräne für weitere Alpenressorts und Almdörfer auf. „Denn ‚Chalets‘ wollen wir nicht mehr sagen“, gesteht ein Investor vergangenen Donnerstag in der spannenden „Am Schauplatz“-Reportage, nachzusehen in der ORF-TvThek. Zu vergiftet sei der Begriff, mit „Almhütten“ wolle man jetzt mehr Flair und Nachhaltigkeit versprühen. Dass viele Immobilienprojekte dabei aber bewusst knapp an der Grenze zur Umweltverträglichkeitsprüfung entlangschrammen, entnimmt man dem Statement des Projektchefs vom Riedergarten-Ressort am Nassfeld: UVP-Verfahren drohe ihm sicher keines, schließlich startet dies erst ab 500 Betten und mit den geplanten 498 habe man die Marke vorsorglich unterschritten.

Natürlich, mitunter werden zusätzliche Betten zur Belebung oder Weiterentwicklung des Tourismus gebraucht, meist lassen sich auch regionale Arbeitsplätze über neue Projekte absichern. Mit wahllos am Berg verteilten Hybridbauten, die weder über eine gewachsene Infrastruktur noch über touristische Allgemeinflächen verfügen, wird man diesen Zielen jedoch nicht gerecht. Die mit der Raumordnung und Großprojekten oft überforderten Bürgermeister und Gemeinderäte benötigten dringend Unterstützung seitens der Länder – nicht zuletzt, um neben der Naturkulisse auch sich selbst vor Begehrlichkeiten und Versuchungen zu schützen.

Zurück in der beschaulichen Ramsau, deren Ortschef Ernst Fischbacher schon mehrmals durch besondere Wehrhaftigkeit auffiel. Nach der Verhängung eines zweijährigen Baustopps in seiner Gemeinde ritt er Richtung Graz aus, um eine Leerstandsabgabe von 10.000 Euro/Jahr pro Zweitwohnsitz zu fordern. Nun schloss er sich dem Verein „Naturraum“ seiner Vizebürgermeisterin Regina Stocker an, mit dem man unbebaute Grundstücke im Ennstal vor Spekulanten retten will. Ab einem Betrag von 500 Euro ist man Teil der Idealistenrunde und darf ein Stück immerwährender Wiesenneutralität erwerben.

Diese Initiative kann sicher keine Großprojekte verhindern - aber vielleicht gelingt es ihr, das Bewusstsein für manche Maßlosigkeit zu erhöhen.
 
Einen stressfreien Wochenausklang, eventuell auf einem einsamen Berggipfel, wünscht Ihnen

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Gelernter Ösi
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Lesenswert?

Die Bürgermeister und Raumplaner haben halt ein Herz für Investoren.

Die haben schließlich ein Menschenrecht auf Betongold und Reichtumsvermehrung. Dafür sind sie dann sehr streng, wenn der Postler im Ruhestand bei seinem Teich eine kleine Hütte aufstellen will. Da wird dann das Raumordnungs-Exempel statuiert.