Schlafloser Hund

Am ersten Tag fällt mir der Hund nicht auf. Hier gibt es Artgenossen, die mehr Eindruck machen. Eine enorme junge Dogge, die wirkt, als habe sie noch vor zu wachsen. Wuschelige kleine Kläffer, die aussehen wie die Plüschtiere, mit denen manche „Liebesg‘schichten“-Kandidaten ihre Wohnzimmerregale vollgestellt haben. Am zweiten Tag sehe ich ihn stundenlang reglos unter einem Schattenbaum liegen. Am dritten Tag setzt er sich an unseren Frühstückstisch und nimmt artig Eier, Käse, Schinkenränder entgegen.

Von da an schaut er regelmäßig zu den Mahlzeiten vorbei, hält sich diskret im Hintergrund und kümmert sich, dass nichts übrig bleibt: da etwas Wurst, dort ein Stück Fisch. Er ist ein höflicher Hund, bettelt nicht, kaut ohne Hast, lässt sich gleichmütig das semmelfarbene Fell kraulen. Wenn wir nach Mitternacht noch am Meer sitzen, setzt er sich dazu. Schlafen Hunde nicht um diese Zeit? Man sieht, dass er nicht mehr ganz jung ist, sein Gang wirkt etwas hüftsteif; ein Nachbar erzählt, er sei ziemlich taub und fast blind. Sein Besitzer sei abgereist und habe ihn zurückgelassen.

Letzter Abend, spätnachts: Zeit für den Abschied vom Meer. Ein Sternenhimmel wie im Märchen; der Hund setzt sich dazu. So ist die Welt: Die eine würde gern noch bleiben, der andere wäre gern längst abgeholt. Na, du, sage ich. Er schnauft, dann trottet er davon, ein semmelfarbener Fleck im Finstern. UB