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Bundeskongress der GrünenDie Attitüde des moralisch Reinen im Bund mit dem Unreinen ist anstrengend

Die Grünen treffen heute zusammen, um sich für den größten Erfolg ihrer Geschichte, die erste nationale Regierungsbeteiligung, moralisch zu rechtfertigen. Das ist tragisch.

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"Offen gesagt" von Hubert Patterer © Kleine Zeitung
 

Früher verströmten die Bukos, wie die Bundeskongresse bei den Grünen altstudentisch heißen, eine Aura schöner, wilder Lagerfeuerromantik. Sie waren ein Hort lustvoller Debattierfreude über die Schlechtigkeit der Welt. Jetzt sitzt man mit der Schlechtigkeit in einer Regierung. An der orthodoxen Basis ist das Bild. Es wird den Mitregenten eingetwittert. Das hat Folgen. Aus den Reden quillt eine seltsame, neurotisch anmutende Dauerscham und Selbstrechtfertigung. Das Verquälte wird man in Linz schön hören können: Um das schlechte Gefühl, das der grünen Ministerriege eingeredet wird, zu kompensieren, flüchtet sie in eine schrille Selbstabgrenzung. Das Beste beider Welten gilt nur noch für die eigene. Man lädt sich einen Schuldkomplex auf und arbeitet sich an ihm ab. Die bessere Idee wäre, abzuarbeiten, wofür man gewählt wurde: Abwendung der Klimakrise. Anstatt sich zu freuen, als Debütanten der ersten grünen Regierungsbeteiligung die Möglichkeit zu haben, das, was man am Lagerfeuer beschwor, mit eigener Kraft zu verwirklichen, vergeudet man die Kraft durch das Hirngespinst einer moralischen Mithaftung. Als wüssten die Wähler nicht, wer was gesagt und getan hat.

Die Attitüde des moralisch Reinen im Bund mit dem Unreinen ist anstrengend. Hochhalten lässt sie sich nur mit Theatralik. Sie werde „Einschüchterungen“ ihrer Staatsanwälte nicht dulden, grollte die Justizministerin. Der bizarre Herr Hanger soll fähig sein, Staatsanwälte einzuschüchtern? Naheliegender ist die Gefahr einer gruppendynamischen Verhärtung unter den Korruptionsjägern: dass sie sich durch die Frontstellung, die die Kanzlerpartei enthemmt vorantrieb, in eine emotionale Befangenheit und innere Aufladung drängen lassen. Das wäre das Gegenteil einer Einschüchterung. Auch davor hätte eine Justizministerin die Ankläger zu schützen, wenn sie glaubwürdige Bannerträgerin der Unabhängigkeit sein will. Auch müsste sie nachdenkliche Worte zur Auswertung und Preisgabe personenbezogener Daten aus elektronischen Zwiegesprächen finden. Das Bild einer stillen Stafette, die von der Staatsanwaltschaft mit dem naiven Vermerk „vertraulich“ zu den Parteien und von dort als abstrakt relevante Trophäe zu jagdkundigen Medien führt, darf nicht Brauchtum werden, befeuert vom wohligen Schauer, in die moralischen Hohlräume anderer zu blicken. Hier wird der Gesetzgeber, wenn sich der Rauch setzt, regulierend eingreifen müssen, nicht mit dem Ziel der Verschleierung, sondern um der Schrankenlosigkeit vorzubeugen.

Es wäre ein grünes Thema, wenn nicht die Moral so viel Platz verschlänge. Eine gefährliche Obsession. Die deutsche Grüne Annalena Baerbock zeigt, wie rasch man ihr durch kleine Sünden zum Opfer fallen kann. Wer sich zudem in eine moralische Mithaftung manövriert, riskiert, dass sie schlagend wird. Regierungsbruch bei einer Kanzler-Anklage? Und wenn auf sie ein Freispruch folgt? Dann bliebe das Reine mit sich allein, wie früher, am Lagerfeuer.

Kommentare (12)
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siral1000
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Der Autor…

…muss einen anderen Bundeskongress gesehen haben.

Denn in Linz wurde ganz klar der Kampf gg den Klimawandel ins Zentrum gestellt.

Von der eigenen hohen Moral war überhaupt nicht die Rede, da hat sich anscheinend jemand in Klischees verstrickt. Schade!

future4you
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Was ist dabei tragisch?

Die Grünen sind primär gewählt worden, weil die Menschen eine Änderung im Umweltbereich wollen. Nur weil der Regierungspartner ungustiöses Verhalten zeigt(e) (was er hoffentlich sehr rasch einsehen und ablegen wird), ändert sich in keinster Weise die größte Herausforderung in der jüngeren Menschheitsgeschichte. Die Medien täten gut daran, das tägliche Herbeischreiben von einem Unfrieden bzw. einem möglichen/baldigen Koalitionsbruch zu beenden. Die Grünen machen einen unerwartet guten Job, sowohl im Amt des BP, als auch als Regierungspartner. Und es gibt in jeder Ehe Meinungsverschiedenheiten und Krach, warum sollte es dies in einer Regierung nicht geben dürfen (sie gäbe es auch in jeder anderen Regierungskonstellation, bei SPÖ und FPÖ gibt es das sogar permanent innerparteilich). Der Krach ist nich lange keine Schwäche, sich im konsensualen Wiederfinden nach dem Krach liegt jedoch die Stärke.

neuer mann
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herr patterer

dass sie die grünen nicht mögen, haben sie ja schon oft vorgeführt - dieser artikel?
naja - entbehrlich bis unnötig - irgendwo dazwischen:

"Aus den Reden quillt eine seltsame, neurotisch anmutende Dauerscham und Selbstrechtfertigung." => ja, man muss es thematisieren, warum man nicht da und dort die notbremse zieht, warum man mit so einer partei (partie) nach wie vor an der regierungsbank sitzt.

"Der bizarre Herr Hanger soll fähig sein, Staatsanwälte einzuschüchtern? " => vlt. haben sie noch nicht erkannt, wie übel die övp aus allen möglichen rohren gegen die justiz mobilisiert und wie sehr die justiz und personen aus diesem bereich geschützt werden müssen vor jenen, die auf die verfassung einen schwur geleistet haben => ja, die justiz gehört geschützt und daür: danke alma zadic!

naja - gäbe noch einiges anzumerken!

scionescio
6
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„ Hirngespinst einer moralischen Mithaftung“

Ob die abgeschobenen Kinder das auch als Hirngespinst sehen?
Wie war das mit dem Glyphosat?
Hätte man sich als Opposition bei der Abstimmung über Blümel auch so verhalten?

Alles nur Hirngespinste…

Was die Weitergabe von Informationen betrifft: schon vergessen, dass bewiesen werden konnte, dass die Anwälte von Kurz und Blümel das höchstpersönlich waren, damit das die Message Control anderen in die Schuhe schieben kann?

So vergesslich Herr Patterer oder so einseitig informiert- oder geht es am Ende wieder einmal um ganz was anderes?

lieschenmueller
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"Jetzt sitzt man mit der Schlechtigkeit in einer Regierung"

-

mobile49
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@lieschenmueller

guten morgen

ja , aber welche alternative gibt es ?
wenn die grünen sich deklarieren , gibt es keine justiz , die ihre aufgabe so gut wie möglich abarbeiten kann , dann krallt sich die övp das ressort 100%-ig und dann schläft alles ein und wird nie wieder erweckt.
wer sollte das umweltministerium besser führen als gewessler ?
wer wäre fähig , das gesundheitsministerium zu leiten ? nun rendy wagner ja , doch wer macht dann die spö-chefin ?
die grünen müssen da durch und glaub mir , sie haben die meisten intelligenten personen in ihrem gremium .
diese schauen nicht auf die schnellen schlagzeilen , sondern denken weiter - ja es ist ungewöhnlich in der politik , aber die "gewöhnliche" politik ist gerade jetzt zum "abgewöhnen"

lieschenmueller
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Exakt, meine Schwester im Geiste,

und die Grünen sollen den Fuß, den sie als kleiner Partner haben, schön drinnen lassen in der Regierung.

Nur diesen Satz von Herrn Patterer fand ich so außergewöhnlich als Äußerung , dass ich mir dachte, jedes Wort dazu schwächt ihn vielleicht ab.

scionescio
3
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Man muss sich die Frage nach dem eigentlichen Ziel stellen….

… reicht es, die größten Grausamkeiten der Türkisen abzufedern und dafür viele sehr faule Kompromisse einzugehen oder wäre es nicht das Ziel, eine Regierung ohne Beteiligung von la famiglia zustandezubringen?

Der Juniorpartner zahlt immer drauf und wird vom Wähler das nächste Mal für alles Schlechte und die Rückgratlosigkeit abgestraft- damit werden die möglichen Varianten von sinnvollen Koalitionen ohne die türkise Schnöseltruppe sehr eingeschränkt und der Herr Kurz wird sich nicht scheuen, sich ein weiteres Mal mit der FPÖ ins Bett zu legen, wenn es für den eigenen Machterhalt unerlässlich ist.

Je länger die Grünen gute Miene zum bösen Spiel machen, desto länger bleibt der Messias an der Macht - zum Schaden für Österreich!

redlands
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Aber-ich schrieb das schon öfter und wiederhole mich leider:

wenn “morgen” gewählt werden würde, es gäbe trotzdem (was auch alles vorfiel und vielleicht noch „geleakt“ wird) keine Regierung ohne ÖVP. Punkt. Die nun auch noch zusätzlich öffentlich gewordene offensichtliche Verblödung der SPÖ tut noch das Ihrige dazu…

lieschenmueller
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das Ihrige

Dass man, wenn man endlich wieder mal in mehr Plus geht als SPÖ, sich selbst ein Gurkerl ins Knie schießt mit der Forderung, nach 5 Jahren die Staatsbürgerschaft beantragen zu können - muss man auch erst mal zusammenbringen.

Zu anderen politischen Zeiten könnte man den Kopf schütteln und bitter darüber lachen. In den jetzigen, wo heiße Luft und eingelernte Stehsätze genügen, man großen Mist bauen kann ohne wirkliche Konsequenzen - siehe Türkis - tut mir leid, "werte" Rote, das nehme ich Euch übel.

Wird mit den Schwurblern mit und um Kurz weiter gehen. Bis der Krug endgültig bricht. Irgendwann ist's so weit, aber die Verlängerung dieses Weges unnötig.

mobile49
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@scionescio

zu den worten von lieschenmueller ist nichts hinzuzufügen .
kurz versucht doch mit allen mitteln , die grünen zum aufgeben zu bewegen , damit ER nicht als koalitionszerstörer dasteht - er hat das ja erfolgreich schon mehrmals "nicht gemacht" !
jetzt würde er also wieder jemand benötigen um als "armes opfer" dann die "jetzt erst recht" stimmen zu lukrieren .
diesen gefallen tun die grünen ihm hoffentlich nicht
punkt

lieschenmueller
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Nunja, scionescio,

wenn nach Ihrer Logik Basti sich ein 2. mal mit den Blauen ins Bett legt (da stimme ich zu, Skrupel sind ihm kaum eigen und Kickl wird sein Geschwätz von gestern dann nicht mehr interessieren), dann bitte mit Grün noch so viel raus schinden in Richtung Justiz, wie es möglich ist.

Und da ein nicht zu unterschätzender Prozentsatz Hohlkörper als Politiker vorne hin hievt und dies wieder und wieder tut, ist mir der momentane Spatz in der Hand lieber als das was nach großer Wahrscheinlichkeit wieder folgen wird.