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KolumneDirk Stermann: Zähne auf der Zunge

Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

An dieser Stelle möchte ich mich einmal bei meinen Zähnen recht herzlich bedanken, die sich während der letzten Lockdowns wacker geschlagen und sehr solidarisch gezeigt haben. Vielleicht ist auch der Mund-Nasen-Schutz hilfreich gewesen. Weniger fremde Karies-Teufelchen fanden den Weg auf meinen Schmelz. Jedenfalls und kurzum: Meine Zähne sind Coronagewinner. Meine Zähne und damit ich selbst. Ich werde euch weiter hegen und pflegen und putzen und bürsten und eure Zwischenräume als ein Heiligtum verteidigen. Wir hatten eine Zeit lang zwischenmenschliche, oder sollte man sagen: zwischenzähnliche, Probleme, und jeder weiß, dass Zahnschmerzen so stark werden können, dass selbst Biontech nicht helfen kann. Ich will niemanden mit Beschreibungen langweilen, aber erinnern Sie sich selbst an Ihre Schmerzen, gehen Sie ganz tief hinein in die entzündete Wurzel. Eben. Und deshalb preise ich meine Zähne.

Das letzte Jahr war keines, in dem man gerne seinen Mund weit geöffnet hätte, einen fremden Mund und eine fremde Nase so nah vor sich, dass keine Aerosole dazwischen Platz gefunden hätten. Schon zu Grippezeiten meide ich Zahnärztinnen, aber das letzte Jahr setzte dem noch einmal eine Zahnkrone auf. Die Zähne haben mitgespielt. Nichts lag an. Sie lagen, wie ich auf der Couch. Lockdownzähne, brav, wie Anschober es gerne sieht. Meine Zähne sind intelligenter als Corona-Demonstranten, die ohne Maske offensichtlich für Corona auf die Straße gehen. Da sind meine Zähne auf der Evolutionsleiter ein paar Sprossen weiter oben angekommen.

Wie oft hab ich über sie geschimpft. Aber jetzt? Nichts als Hochachtung. Spitzenzähne. Hosianna. Man könnte gläubig werden. Außerdem habe ich die viele freie Zeit genutzt und mich mit der Regenschirmschnecke Umbraculum umbraculum beschäftigt und da hab ich mit all meinen 32 Zähnen (die Implantate mitgerechnet) gestaunt, als ich las, wie viele Zähne diese Schnecke hat. Umbraculum umbraculum ist nicht nur ein großartiger Name, nein, diese warzige Schirmschnecke, die eine Art ist aus der Überordnung der Verschiedenkiemer, ist unerreicht in der Anzahl ihrer Zähne. In ihrem aufregenden Leben unter Wasser kann sie bis zu 750.000 Zähne entwickeln, sollten welche kaputtgehen bei der harten Nahrungsbeschaffung. Mehr Zähne hat niemand, vielleicht Innenminister Nehammer, aber man kann sie ja nicht sehen, weil er den Kiefer immer so fest aufeinanderpresst.

Schnecken tragen ihre Zähne auf der Zunge. Würden sie zum Zahnarzt gehen, für eine Mundhygiene, würden sie erst nach sechs Jahren wieder vom Behandlungsstuhl aufstehen können. So viele Zähne ordentlich putzen, da stößt auch die flinkeste Mundhygienikerin an ihre Grenzen. Wahrscheinlich hat der Paläontologe Peter Ungar, der die Entwicklung der Säugetierzähne untersucht, recht, wenn er sagt, unsere Zähne seien langweilig. Langweilig, aber Teile von mir. 32, die Implantate mitgerechnet, die ich an Zahnes statt angenommen habe und inzwischen wie meine eigenen Zähne lieben gelernt habe. Und Liebe ist es, worum alles geht.

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