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CoronavirusGefangen im Impflabyrinth

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

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Guten Morgen!

Der alleinlebende Vater (88) im südlichsten Tal ist ein pflichtbewusster Staatsbürger. Er zahlt Rechnungen und Abgaben lange vor dem Auslaufen der Frist und ärgert sich mitunter, wenn die erwartete Rechnung einer Behörde unnötig lange ausbleibt. Er hat nie Schulden gemacht und will auch nie jemandem etwas schuldig bleiben, auch dem Staat nicht, er legt Wert auf ein korrektes Verhältnis zu ihm. Er zahlt seit seinem 16. Lebensjahr Steuern, hat dem Sozialsystem mehr gegeben als entnommen und ist nie einer Wahl ferngeblieben. Er hat mit Krawatte gewählt und immer die Mitte. Er ist Jahrgang 32 und weiß, was sie wert ist.
 
Jetzt, mit 88, will er eine Kleinigkeit retour vom Staat, eine schnelle Impfung, die ihn aus der Isolation und Gefahr befreit, nicht mehr. Er hat vor der Wissenschaft noch mehr Respekt als vor dem Staat, empfindet den Impfstoff als spektakuläre Errungenschaft und muss den Fernsehapparat abdrehen, wenn er die Bilder von den „Querdenkern“ auf den Straßen sieht und ihre Banner, Schluss mit der Diktatur, Freiheit für Österreich. Er hat beides erlebt, als Kind die Diktatur und später die Freiheit, er erträgt vieles, aber die frivole Deformation der Begriffe erträgt er nicht mehr. Dann kann er für Momente zum Wutbürger werden, was er sonst nur wird, wenn Hans Hinterseer unecht Weihnachtslieder singt.
 
Der Vater ist Phase eins, vermutlich eins Komma irgendwas, kein Heimbewohner zwar, aber ein auf sich achtender Höhlenbewohner und vulnerabel, ein Wort, das er zuvor noch nie gehört hat, ob man kein anderes dafür habe finden können. Gleich nach Neujahr ist er ins Dorf zur Hausärztin gegangen und wollte sich auf die Liste setzen lassen. Es gebe leider in der Praxis keine Liste, beschied ihm die vertraute Assistentin, man sei selbst von allem abgeschnitten, er möge sich an die Gemeinde wenden, sie erfasse die Daten. Der Vater nahm die Lupe zur Hand, suchte die Nummer im Telefonbuch und hinterließ der Bediensteten im Gemeindeamt das Geburtsdatum, die Nummer der Sozialversicherung und die Telefonnummer. Leider sei das Gemeindeamt nicht die maßgebende Stelle, fügte die vertraute Stimme bedauernd hinzu, man könne nur die Daten an das Land weiterleiten. Von dort würden die Interessenten und Antragsteller einen Anruf bekommen, wann, ließe sich leider nicht sagen, man sei selbst abgeschnitten.
 
Das Land ist die Landesregierung, aber auch sie ist nicht die maßgebende Stelle, und jetzt war man schon mitten in einem Kafka-Roman, die maßgebende Stelle, hieß es, sei die Österreichische Gesundheitskasse, die ÖGK-Zweigstelle der Bezirksstadt sei für das Impfen zuständig und würde sich bestimmt melden. Das ist zwei Wochen her. Die Zweigstelle hat sich nicht gemeldet, aber der korrekte Staatsbürger hat sich gemeldet und bekam die Auskunft, man wisse auch nicht, wann man mit 88 an der Reihe sei, das könne nur die Zentrale in Klagenfurt sagen, man sei jetzt bei den 98-Jährigen, der Vater müsse sich wohl noch eine Weile gedulden. Kein Brief in all den Wochen, auch kein Standardbrief mit eingesetztem Namen, keine Berücksichtigung auf einer Liste, auch kein vager Hinweis auf ein Zeitfenster, dafür sehr konkrete Hinweise, wie sich Dorfkaiser und deren Frauen in Heimen Restmengen an Impfstoff gesichert hätten. Zum ersten Mal hört man den loyalen Bürger am anderen Ende der Leitung mit seinem Staat lautstark hadern. „Ich soll jetzt also meinen Hörapparat aufsetzen und mich in den nächsten Wochen nicht vom Telefon wegbewegen, damit ich den Anruf nicht versäume. Was ist eigentlich los mit dem Land?“
 
Zweckdienliche Hinweise zur Klärung der Frage nehmen wir dankend entgegen.
 
Mit kafkaeskem Gruß und Genesungswünschen an Amerika

Kommentare (3)
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Patriot
5
16
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Ein aufrichtiges Danke, Herr Chefredakteur!

Wie immer ein toller Artikel von Ihnen. Die freien Medien sind die einzigen, die der Politik und den Behörden Druck machen können, denn wir Bürger*innen sind leider machtlos.

ilselampl
2
8
Lesenswert?

Lesens den Wimmer......

wie erfreulich und wohltuend war doch dieser Artikel.................

AndiK
5
27
Lesenswert?

Ein aufrichtiges

DANKE für diesen Artikel!
In meinem Fall ist es halt eine 87 jährige Mutter....