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Böhmermann im KulturmontagWarum sieht man sich im ORF veranlasst, sich von einem Interview zu distanzieren?

Ein Satiriker gibt im ORF ein Interview, und der Sender hält es für notwendig, sich vom Gesagten zu distanzieren. Zeichen dafür, dass sich die Atmosphäre im Land verändert.

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Manchmal glaubt man, man wacht in einem anderen Jahrzehnt auf. Der digitale Boulevard stöhnte bereits frühmorgens vor als Empörung getarntem Entzücken über ein Interview, das Jan Böhmermann im ORF-Kulturmontag gegeben hatte. Darin hatte Böhmermann in satirischer Brachialüberhöhung die Österreicher als ein Volk von acht Millionen Debilen tituliert. Die fast wortwörtliche Fortsetzung eines Zitats von Schriftsteller Thomas Bernhard und perfekt geeignet, einer dauererregten digitalen Gegenwart Stoff zu liefern. Das Trauerspiel fand indes in den Kommentarspalten unter den Artikeln statt. Dort wurde, mehr oder weniger konkret, wieder einmal der Zusammenhang zwischen kritischen Künstlern und einem Laternenpfahl hergestellt.

Die Empörung erinnerte frappant an jene, die vor 31 Jahren Thomas Bernhard entgegenschlug. Damals war es der „Nestbeschmutzer“ Bernhard, heute ist es der „Hetzer“ Böhmermann. Dass Ersterer posthum zum Nationalheiligen der österreichischen Literatur erklärt worden ist, verrät viel über den Umgang Österreichs mit seinen Künstlern. Dass Bernhard ein größerer Künstler als Böhmermann ist, stimmt wohl, ist aber für die Sache unerheblich. Man kann aus einer gesellschaftspolitischen Frage („Was darf Kunst?“) nicht eine ästhetische Frage („Was ist Kunst?) machen. Auch für schlechte Kunst gilt die Freiheit.



Doch dieser Kulturmontag gibt Anlass zur Sorge. Warum sieht man sich im ORF veranlasst, sich von einem Interview zu distanzieren? Tag für Tag sagen Menschen in Medien kontroversielle, provokante, verstörende Dinge, ohne dass sich das berichtende Medium davon distanziert. Das Interview wurde anlässlich einer Böhmermann-Ausstellung in Graz geführt. Auch die Kleine Zeitung hat im Rahmen einer Kulturkritik darüber berichtet. Wir haben einige seiner konfrontativen Aussagen abgedruckt, weil sie wesentliche Informationen darüber geben, mit welchem Kalkül Böhmermann die Grenzen zwischen Satire, Kritik, Sarkasmus, Kunst und Leben aufzulösen trachtet.

Die merkwürdige Distanzierung des ORF im Nachhinein wirkt fast wie ein Teil der Inszenierung. Aber es ist egal, ob die Distanzierung am Ende des Interviews in Komplizenschaft mit Böhmermann entstand, oder nur ungeschickt war. Wir alle, Parteien, Medien, empörte Öffentlichkeit, Böhmermann-Fans und -Gegner befinden uns mittendrin in einer der digitalen Satiren dieses blassen, dünnen Mannes, der Shitstorms und Erregungskurven so gekonnt dirigiert wie Karajan früher die Philharmoniker.

Verlierer ist der ORF. Werden satirische, kritische Inhalte fortan von Piepsern übertönt, kommentiert und relativiert? Herrscht dort bereits ein Klima der Angst und Eilfertigkeit? Ist Selbstentmündigung neue ORF-Normalität? Und wird es normal, dass die Macht im Land unliebsame Journalisten attackiert? Wird es normal, zu glauben, dass man in einem anderen Jahrzehnt aufwacht?

Kommentare (2)

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kilroy
3
0
Lesenswert?

"Dass Bernhard ein größerer Künstler als Böhmermann ist,"

Ach so? Böhmermann ist ein Künstler? Können Sie mir ein einziges Kunstwerk von ihm nennen?

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AlexG11
0
1
Lesenswert?

Werkliste Böhmermann

Varoufake
Veragate
Erdogan Gedicht
Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich
uvm.

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