Vom Sex, von Romeo und Julia 2.0 und dem öffentlichen Schauprozess im WWW

 

Gegen Internetforen ist jeder Stammtisch ein hoch ethisches Philosophicum. In die allertiefsten Abgründe schauen kann man derzeit auf diversen US-Websites: „Das pädophile Schwein soll für immer hinter Gitter“, „Wenn er sich in Haft nach der Seife bückt, wird er schon sehen, was er davon hat“ et cetera wird da in Reaktionen auf den Fall Leo S. gepostet. „Hängt ihn höher!“ fehlt noch.

Zur Erinnerung: Dem gerade 18 gewordenen Oberösterreicher drohen 15 Jahre Haft, weil er sich vorigen September online in ein Mädchen in Florida verliebt hatte, vor zwei Wochen zu ihr flog und einvernehmlichen Sex mit ihr hatte, ohne zu wissen, dass sie erst 15 ist. Die Polizei suchte das von daheim ausgerissene Mädchen, fand die beiden in einem Hotel vor und verhaftete Leo. Dieser wurde nun unter strengen Auflagen und gegen eine Kaution von 200.000 Dollar bis zur Anhörung in einem Monat freigelassen.

Ja, Sex mit Minderjährigen ist in Florida zurecht schwer strafbar. Ja, das Mädchen hatte ihre Geburtsurkunde gefälscht, um ihm zu beweisen, dass sie schon 16 ist. Aber dass Leo jetzt überall im Netz auf Fotos in Haftkleidung zu sehen ist, im Gefängnis geschlagen wurde, sich Wut und Häme über ihn ergießen und wohl beide – zwei Kinder noch! – Traumata für ihr ganzes Leben haben, wäre Strafe genug.

Es ist allerdings zu befürchten, dass es für Romeo und Julia 2.0 keine Gnade gibt, dass durch den Geifer und den öffentlichen Schauprozess über das WWW der Druck auf alle noch steigt, auch auf den Richter.

Bedenklich, was wir aus dem Internet machen, aber noch bedenklicher oft, was das Internet aus uns macht.

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