Blackfacing-DiskussionKeine Zukunft für die Schwarzmaler

Kulturwandel. Die heiligen drei Könige Kaspar, Melchior, Balthasar kommen längst ohne dunkle Schminkfarben aus. Anderswo scheint der Abschied vom Blackfacing schwerer zu fallen.

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STERNSINGER
Sternsinger, unterwegs anno 2004. Inzwischen ist Blackfacing auch bei uns verpönt – selbst dann, wenn es für den guten Zweck wäre © AP/BOXLER
 

Kronen, Umhänge, geschmückte Stöcke: Die Sternsinger, die derzeit von Haus zu Haus ziehen, sehen aus wie immer. Nur gelb, rot, braun oder schwarz geschminkte Gesichter sieht man kaum. Und nein, das liegt nicht nur an den Schutzmasken, die die jungen Spendensammler*innen diesmal tragen müssen, bestätigt der Sprecher der Sternsingeraktion, Georg Bauer: „Es wird jedes Jahr heftig darum gerungen, in Sachen Schminke eine Position zu finden“, sagt er. Seit Blackfacing auch bei uns ein gesellschaftspolitisches Streitthema ist, gebe das Hilfswerk der Katholischen Jungschar den teilnehmenden Pfarren die Empfehlung, sich mit der Maskerade auseinanderzusetzen und eine bewusste Entscheidung darüber zu treffen, ob man Kinder wirklich mit geschwärzten Gesichtern auf die Straße schickt.

Auch weil sich, so Bauer, „gewisse Themen immer mehr vermischen“. Dass die Sternsinger einst mit aufgeschminkten Hautfarben auf Tour gingen, sollte in den frühen Jahren der Jungschar-Aktion (ab 1954) „die Gleichberechtigung der Kontinente“ darstellen, sagt er, und aussagen, „dass unabhängig von Hautfarbe oder Geschlecht alle Menschen gleich sind“.

Heute, konzediert der Sternsinger-Sprecher, „lassen sich den Kontinenten natürlich keine Hautfarben mehr zuordnen. Die Gesellschaften sind nicht so homogen wie damals, die Darstellung stimmt also nicht mehr so recht“. Von außen werde dementsprechend immer wieder Unbehagen an die Träger der Aktion herangetragen. Nichtsdestotrotz gehöre es in manchen Gegenden aber nach wie vor zum Brauchtum, dass sich die Sternsinger anmalen.

Man muss an diesem Beispiel keine Vergleiche zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Blackfacing anzetteln; sehr wohl aber lässt sich in der Traditionsanpassung, die sich hier vollzieht, ein Anzeiger für den Kulturwandel entdecken, der sich im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung und der mit ihr neu entfachten Rassismusdiskussion beschleunigt. In den USA ist Blackfacing als Instrument zur Demütigung und Diffamierung der schwarzen Minderheit seit Langem verpönt. Dort verkleideten und bemalten sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in sogenannten „Minstrel Shows“ Weiße als Schwarze, um sie zwecks Volksbelustigung in grausamen Stereotypen zu verhöhnen. Die ersten Darsteller: vor allem irische Einwanderer. In seinem Buch „Black Like Me“ (2006) über die Geschichte des Blackfacing und seine Auswirkungen auf das Showbiz von heute listet der Kulturpublizist John Strausbaugh dann auch auf, an wen das Staffelholz der Diffamierung über die Generationen weitergereicht wurde – immer an die, die in der sozialen Hackordnung nur ganz knapp über den Versklavten standen: Iren, Juden, Frauen dominierten die Minstrel Shows. Die Schwarzmaler diskriminierten, um selbst nicht diskriminiert zu werden.

Als die Sklaverei abgeschafft wurde, wurden die Witze entsprechend brutaler. Auch, dass die um Mitte des 20. Jahrhunderts schon recht unpopulären Shows in den Sechzigern und Achtzigern auf einmal wieder Publikum anzogen, sieht Strausbaugh in klarer Parallelität zu den Bürgerrechtsbewegungen dieser Jahre: Jeder Liberalitätsschub zog demnach einen rassistischen Backlash nach sich, der darauf abzielte, herabwürdigende Darstellungen in den Alltag zu reimportieren.

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Black Lives Matter-Demo in Wien, Juni 2020: Ist ein Backlash zu erwarten? Foto © AFP

Insofern stellt sich die Frage, ob sich gegen die „Black Lives Matter“-Bewegung, die Anfang Juni letzten Jahres laut Polizeischätzung auch in Wien 50.000 protestierende Menschen auf die Straßen zog, auch bei uns 2021 eine Gegenbewegung formiert. Im Nachbarland Ungarn scheint sie bereits angekommen. Dort wüten Parteigänger des rechtspopulistischen Premiers Viktor Orbán in Budapest seit Tagen gegen die Errichtung einer einen Meter hohen, im Stil der BLM-Protestierer knienden Nachbildung der Freiheitsstatue. Das Werk von Peter Szalay sei antiungarisch, hieß es. In einem regierungsnahen Sender wurde mit dem Abriss der Skulptur gedroht, ehe sie überhaupt aufgestellt worden ist.

Offenbar überträgt sich auf das Kunstwerk ein Verhalten, das der Autor Ta-Nehisi Coates in seinem schon als Standardwerk in der Rassismusdiskussion geltenden Essay „Zwischen der Welt und mir“ (2015) beschreibt: die aus der Vergangenheit einer Sklavenhaltergesellschaft fortwirkende Verfügungsgewalt der Weißen über den schwarzen Körper. Die bilde sich, so Coates, in den Polizeimorden an schwarzen Amerikanern ebenso ab wie in der unverhältnismäßig hohen Zahl schwarzer Häftlinge in US-Gefängnissen und erfordere von schwarzen Bürgern unter „maßlosem Energieaufwand“ ständige Verrenkungen, um etwaigen Aggressoren keine „Gelegenheiten zur Auslöschung“ zu bieten und auch „der Polizei keinen Vorwand zu liefern“.

In aufgeklärten Gesellschaften wird die Existenz strukturalisierten Rassismus’ heute nicht mehr ernsthaft infrage gestellt. Und eine globalisierte Gegenwart verlangt die lokale Auseinandersetzung mit Themen wie Pandemie, Klimakrise, MeToo ebenso wie die mit dem hässlichen Erbe von Rassismus und Sklaverei. Insofern steht ein Thema wie Blackfacing natürlich auch bei uns zur Diskussion. Zumal die Auseinandersetzung im Kontext von Eurozentrismus und Kolonialismus auch in Europa immer hitziger wird. In der ehemaligen Kolonialmacht Niederlande flammt jedes Jahr zur Weihnachtszeit die Diskussion um die Figur des „Zwarte Piet“ (Schwarzen Peter) auf, der bei den traditionellen „Sinterklaas“-Umzügen den Nikolaus durch die Städte begleitet. Der kohlschwarz geschminkte Diener im Turban stellt eindeutig einen schwarzen Sklaven dar. Aber auch in den Niederlanden wehren sich Traditionsbewahrer wütend gegen die angeblich aggressive Verletzlichkeit jener, die gegen das rassistische Abbild protestieren.

Umso besser nachvollziehbar scheint es, dass die heimischen Sternsinger, deren Beneficium in den Worten Bauers ja vor allem „ein Angebot ist, die Friedensbotschaft Jesu anzunehmen“, hier von sich aus Veränderungsbereitschaft zeigen. Bei Unsicherheiten angesichts ethnischer Maskeraden wirkt sonst mit Sicherheit der Strausbaugh-Test. Man müsse sich, schreibt der Autor, angesichts von Black-, Brown- oder Yellowfacing ja nur die Frage stellen: Warum ist das eigentlich lustig? Warum amüsiert mich die Maskerade so? Sich in die Haut des Gegenübers zu versetzen, ohne die eigene zu beschmieren: auf jeden Fall ein guter Anfang vernünftiger Reflexion.

Kommentare (21)
3770000
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Nicht jedes Schminken ist "blackfacing". Man darf noch selbst denken!

Dass es letztlich drei Könige wurden und einer davon schwarz liegt an der Symbolik: sie repräsentieren die drei Lebensalter und die drei damals bekannten Kontinente, stehen also symbolisch für die ganze Menschheit. Seit dem Mittelalter wird einer der hochgeschätzten drei Könige als Schwarzer dargestellt, eine Tradition die auch (simpel nachgestellt mit Russ im Gesicht) bei uns die Sternsinger übernommen haben. Ironie der Geschichte: was nicht einmal die Nazis geschafft haben, erledigt nun falsch verstandene politische Korrektheit: ausgerechnet der schwarze König wird gestrichen und Kinder dürfen sich nicht mehr als Caspar schminken, weil das "blackfacing" wäre. Was völlig falsch ist, denn die drei Könige waren niemals eine Witzfigur. Mit geschminkten Weissen, die in den USA auf Bühnen augenrollend den "dummen Nigger" spielten (DAS ist "blackfacing"!) hatte die Tradition der Sternsinger NIE etwas zu tun.

valentine711
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Die von politischer Korrektheit

generierte Übermoral ist mittlerweile in vielerlei Hinsicht einfach nur noch lächerlich. Dekadenz macht sich breit...

wollanig
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Ich sehe diese Auswüchse an Hypermoral

bei den Sternsingern vielmehr als Ausschluss und Diskriminierung der dunkelhäutigen Menschen. Niemals war und ist ein dunkel geschminkter Melchior in irgendeiner Weise negativ behaftet gewesen oder sollte diese Menschen diskreditieren oder sonst was. Damit wird Gemeinsames zerstört und nicht gefördert. Diese linken abgehobenen Moralapostel merken nicht, dass sie genau das Gegenteil anrichten, als das was sie eigentlich vorgeben zu wollen.

erstdenkendannsprechen
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aber es tut auch keinem weh,

wenn sich sternsinger nicht schminken.

wollanig
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Doch, tut es.

Offenbar haben Sie nicht verstanden, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Tut mir leid.

jg4186
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Oper und Theater?

Gilt das Schminkverbot dann eigentlich auch für Theater und Oper? Othello?

Foks
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Signal

Bemerkenswert wie sich Menschen fur derartige Aktionen einsetzen , und glauben die Welt damit besser gestalten. Ps Im Bodental schneit es gerade weißen Schnee bzw. alle die damit ein Problem haben : es schneit gerade Schnee

nightswimmer
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Ummalen

Sollte nun ein Bub mit schwarzer Hautfarbe mit denen mitgehen, müsste der sich dann weiß anmalen, um die linke Jagdgesellschaft zufrieden zu stellen?

erstdenkendannsprechen
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nein, denn das ist nicht blackfacing.

nicht geschnallt um was es geht, oder einfach nur ignorant?
ist ja wohl komplett egal, und darum geht es bei den sternsingern wohl wirklich nicht.

Kleinezeitungapp
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Seelen-Masochismus

Wir sollten der Versuchung, uns masochistisch die Verfehlungen anderer Kulturen und früherer Generationen auf unsere eigenen Schultern zu laden, widersetzen.
Selbstgeiselungen mögen für manche zum eigenen Seelenheil beitragen, lösen aber bei vielen Anderen nur Übelkeit und Ablehnung aus

calcit
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Recht herzlichen Dank an all die Kinder und...

...Organisatorinnen und Organisatoren und all die die sich hier einsetzen um für die Ärmsten sammeln. Schade, dass hier ein paar wenigen nicht anderes einfällt eine vollkommen irrelevante Diskussion auf Kosten dieser vom Zaun zu brechen...

wollanig
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Ist doch

die Kirche selbst

calcit
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Nein, der Druck kommt von außerhalb...

...die Diskussion erfolgt natürlich intern...

mariopucher@gmail.com
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.....und was sind die nächste Schritte??

.....wird die Frauenquote erfüllt werden müssen oder muss auch noch ein „diverses“ Wesen dabei sein?
Wenn das so weitergeht können die Sternsinger bald mitm Bus anreisen,so man auf jeden Schwachsinn reagieren möchte.
Ganz ehrlich, es geht um die Heiligen drei Könige und um Geschichte und da war eben ein Schwarzer dabei und ich bin überzeugt davon dass Rassismus der letzte Grund für einen geschminkten jungen Menschen in der Riege der Heiligen drei Könige ist.
Ich war seinerzeit auch Sternsinger und bei uns wurde gelost wer der Mohr sein DARF!

erstdenkendannsprechen
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sie sprechen, dass es hum die hiligen drei könige und geschichte geht?

und da war ein schwarzer dabei?
nicht einmal bei den biblischen drei königen (die jetzt historisch NICHT verifiziert sind) ist von einem schwarzen könig die rede! von gar keinem könig übrigens sondern von weisen, die bei tertullian dann zu königen (er schreibt "wie könige") wurden (dreihundert jahre später). die hautfarbe kommt gar nicht vor, dass es drei waren auch nicht. (könnten theoretisch drei schwarze gewesen sein oder keiner,)

KarlZoech
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@ mariopucher@gmail.com: Also die Drei waren weder heilig noch Könige,

aber astronomisch gut Bewanderte, welche aus einer bestimmten astronomischen Konstellation etwas (die Geburt eines neuen Königs) ableiteten und - so sagt es die Bibel - nach Bethlehem zogen. Ob tatsächlich einer der Drei ein Schwarzer war, das wissen wir auch nicht wirklich, doch steht der schwarze Weise für einen der drei damals bekannten Kontinente, für Afrika.

Und ansonsten stimme ich Ihnen einfach zu. Sternsinger (und später Betreuer derselben) war ich seinerzeit auch, ist bei mir aber schon gut 50 Jahre her.

MG1977
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Interessant

werden dier Kinder dunkler Hautfarbe dann weiß geschminkt?

Baerli6
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MG1977

Die gehen in ihrer Freizeit eh nicht Sternsingen!

Ba.Ge.
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Würd ich so nicht sagen.

Es gibt verhältnismäßig wenige dunkle Menschen bei uns und auch von den weißen geht nicht jedes Kind Sternsingen, aber es wird bestimmt auch christliche maximal pigmentierte gebe, welche sternsingen - selten natürlich, aber doch ;)

jg4186
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Bunte Vielfalt

Alle österr. Fußball-Fans sind stolz auf D. Alaba.
Gerade weil unsere Gesellschaft sich zusehends wandelt, weil Menschen aller Hautfarben in unserem Land sind, sollen und dürfen die Sternsinger sich auch schminken: Alle Menschen sind gleich viel wert, Hautfarbe spielt keine Rolle mehr. Und die Sternsinger sammeln auch für alle Völker der Erde, weil wir alle Kindern Gottes sind, ohne Unterschied.
Wenn eine Gruppe sich schminken will - lasst sie.
Wenn eher nicht - passt auch.
P.S.: Immer wieder und immer öfter gehen auch Kinder dunkler Hautfarbe mit als Sternsinger - sehr schön!

redlands
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Ja-sehr erfreulich. Wir benötigen keine „Pseudo-Moralimporte“

aus den USA...