AdventgeschichtenSiebeneinhalb Minuten

Alles läuft nach Plan bei den rituellen, aber auch routinereichen Vorbereitungen für das familiäre Fest. Mitunter kann sich aber auch ein unheimliches Hintergrundrauschen einstellen.

Alles hat seine Zeit © Margit Krammer @Bildrechtwien
 

Lisi freut sich auf den Geruch. Bienenwachs, Tannenharz, Orangenschale, durchbohrt von Gewürznelken. „Winterzauber“ steht auf der Verpackung. Duft und Diffuser. Sie sucht nach einem Druckknopf, aber es gibt nur einen Regler. Lisi stellt ihn auf maximale Intensität, 7,5, und platziert den Flakon auf das Vorzimmertischchen. Oliver hat Geschmack bewiesen. Das zierliche, mattweiße Objekt, elegant in sich verschraubt. Hat etwas von einer Dame, die über die Schulter blickt. Madame Diffuser. Aus der kleinen Schnute, die sie zu ziehen scheint, kommt anscheinend der Duft. Lisi zielt mit der Schnute auf die Garderobe. Auf den Turnschuhhaufen, über dem bleiern eine gummisaure Wolke hängt. Auf die mit Schweiß und Testosteron vollgesogenen Jacken der Zwillinge. Olivers gestriges Mittagessen im Mantelstoff, chinesisch. Das, denkt Lisi bedrückt, ist das olfaktorische Entrée meines vorweihnachtlichen Hauses. Bis jetzt. Warum ist sie da nicht von selbst draufgekommen? Alle siebeneinhalb Minuten drückt ein unsichtbarer Finger auf einen Knopf und verbreitet ein kleines Wölkchen Winterzauber. Lisi lächelt in sich hinein. Noch riecht sie nichts, aber das gelbe Lämpchen leuchtet. Sie kann es kaum erwarten.

Von der Küche aus hat sie den Überblick. Alles so, wie es sein soll. Ihre Familie versammelt um die Nordmanntanne, Mondphasenschnitt, den Anschnitt vorgefräst. Unglaubliche 59 Euro. Die Zwillinge sangen heuer beide nicht mehr mit. Letztes Jahr haben sie noch fröhlich mitgekräht, aber vorhin bewegten sie alle nur mehr die Lippen. Wie in der Kirche. Was täten sie ohne die Wiener Sängerknaben? Oliver hat ihr wieder ein Kettchen geschenkt. Lisi trägt keine Kettchen, aber Madame Diffuser war immerhin ein Volltreffer. Ob er sich über die Smart Waage freut? Die Knochen, Körperwasser, Muskeln und Fett getrennt wiegen kann?

Lisi senkt den Blick. Schon wieder Nadeln auf dem Boden. Vor drei Tagen gekauft und schon ging es los. Das wird schlimmer. Immer empfindlicher wird sie, die Nordmanntanne, bei der leisesten Erschütterung Nadeln von sich werfen wie ein Stachelschwein in Panik. Was stimmt nicht mit diesen Wissenschaftlern? Menschenohren wachsen auf dem Rücken von Mäusen, Ratten leuchten im Dunklen, ganze Schafe werden aus einer einzelnen Hautzelle geklont. Ist es zu viel verlangt, Bäume zu züchten, die ihre verdammten Nadeln für sich behalten? Wie oft wird sie den Staubsauger von oben holen müssen bis zum 6. Jänner?

Lisi hat erwogen, ihn über die Feiertage hinter der Türe zu verstecken, aber das Milchglas lässt das nicht zu. Also jeden Tag zwei- bis dreimal extra die Stiegen rauf und runter.

Sie geht ins Vorzimmer und tritt vor den Spiegel. Der Stein des Kettchens: blau, wie ein Tofix, in einer Art Silberkäfig. Danke, Oliver, so eine schöne Kette, hat sie gesagt. Küsschen. Danke, Kinder, so ein nettes Buch. Oh! Ein historischer Roman, da freue ich mich schon aufs Lesen, lieber kein Küsschen, oder doch? Der Preis klebt noch drauf, 9,80 Euro, das macht doch nichts. Die Sängerknaben dudeln, ihre Stimmchen fliegen durch den Raum. Da kommt ein kleines Röcheln aus dem Diffuser, und ein Wölkchen, direkt unter Lisis Nase. Sie saugt es gierig ein. Riecht wie ein Kampf: Lebkuchen vs. Zimtstern, denkt Lisi. Aber ein guter Kampf. Ein notwendiger.

Lisi schlüpft in die Topfhandschuhe mit den kleinen Stechpalmen, als sie die Gans aus dem Ofen nimmt, noch bevor die Küchenuhr bimmelt. Sie lässt die Folie auf dem Bräter, lässt die Gans rasten. Die Weihnachtstopfhandschuhe hat sie termingerecht einer Kiste mit dem Etikett „Weihnachten“ im Kellerkasten entnommen. Am 6. Jänner kommen sie wieder in die Kiste, gemeinsam mit dem anderen Wahnsinn aus Rot und Gold. Schön sprechen, Lisi! Sie hat alles richtig gemacht, und doch fehlt etwas. Der rechte Topfhandschuh hat einen kleinen mondsichelförmigen Fleck, der ist braun, ein Brandfleck. Sie erinnert sich an den Unfall, das Feuer, den Schmerz, an die Blase. Braun ist die Farbe von Schaben, Fäkalien, Erde. Braun ist nur in Ausnahmefällen küchentauglich, so wie bei Ischlerkipferln oder im Falle einer perfekt gebratenen Gans.

Lisis Hände! Wie rasch und präzise sie Lisis Befehle ausführen. Erdäpfel pürieren. Vogerlsalat waschen und schleudern. Erbsen in den Topf mit einem Stück Butter. Kühlschrank auf, zu, da fällt ihr das Messer klirrend auf den Boden. Lisi erschrickt, dreht sich schnell nach ihrer Familie um. Alles ist an seinem Platz! Die Zwillinge, mit ihren neuen Handys, auf der weißen Couch lümmelnd, Schokoschirme in sich hineinstopfend, vor dem Essen. Oliver, am gedeckten Tisch, in die Bedienungsanleitung der Smart Waage vertieft. Die Sängerknaben haben mit dem Gesang aufgehört.

Lisi wird plötzlich müde. Ihre Hände werden langsamer, verharren, bleiben in der Bewegung des Petersilie-Hackens stehen. Mitten in die Stille stößt der Diffuser sein Fauchen und sein Wölkchen aus.

Da läutet die Zeituhr, der Strom springt wieder an, die Hände kommen wieder in Fahrt. Auftritt Weihnachts-gans. Sie lüftet die Folie. Lisi lächelt die Gans an. So majestätisch wie auf dem Foto im Kochbuch. Dass einem eine Gans so gut gelingt! Nicht selbstverständlich! Sie atmet tief durch und greift zur Tranchierschere, ein Erbstück von ihrer Mutter. Sie versenkt die Spitze der Schere in der dampfenden
Körperhöhle des Vogels. Tranchieren, das kann heute kaum noch jemand. Das ganze Tier mit Liebe gebraten und zerteilt. Mit Inbrunst schneidet sie die Körpernaht hinauf, das Brustbein knackt.

So ein Prachtbraten, hört sie Oliver schon sagen. Lisi ist auch zufrieden. Sie blickt in das Wohnzimmer, zwinkert ihren Männern zu, schneidet, lächelt, schneidet, und als sie den scharfen Schmerz spürt, ist es schon wieder zu spät. Sie sieht den klaffenden Spalt im Fingerglied, führt den Schnitt ganz knapp vor die Augen. Man kann die Zellen sehen, Hautzellen, Muskelzellen, Fettzellen. Nicht schreien, Lisi! Da kommt kein Blut, denkt Lisi, wann kommt endlich das Blut? Draußen auf dem Kästchen spuckt der Diffuser wieder sein Wölkchen aus.

 

Zur Autorin

Vier österreichische Literatinnen haben für uns spezielle Advent- bzw. Weihnachtsgeschichten verfasst.

Gertraud Klemm, geboren 1971 in Wien, ist seit 2006 als freie Schriftstellerin tätig. Ein zentrales Thema, das sie mitunter höchst ironisch und zynisch behandelt, ist die „bürgerliche“ Frauenrolle. Werke (Auswahl): „Herzmilch“, „Aberland“, „Mutter auf Papier“.

KK Gertraud Klemm
Gertraud Klemm © KK

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