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Essay Kein See für mich: Heimweh in Coronazeiten

Im Lockdown nicht reisen können heißt auch, von seinen familiären Wurzeln abgeschnitten zu sein. Ein sehnsüchtiger Blick auf jene Wege, auf denen man sich gehend anderen nahe fühlen kann.

"Denn dieses Jahr war alles anders"
"Denn dieses Jahr war alles anders": Heimweh in Coronazeiten © (c) DREIDREIEINS Foto - stock.adobe. (Tobias Koch)
 

Im November war mir die Stadt, in der ich aufwuchs, immer am liebsten. Wenn der Hochnebel die Berge ringsum einhüllte, die dicke Luft die Gespräche dämpfte, als läge man gemeinsam unter einer Decke. Wenn der See und der Himmel dieselbe Farbe hatten, ein undurchdringliches Grau in vielen Schattierungen. Wenn im Wald das feuchte Laub an den Schuhsohlen haften blieb. Und die Schwermut, die über allem lag, die Leichtigkeit des Sommers Lügen strafte. Dann kam ich gerne zu Besuch. Dann fühlte ich mich plötzlich wieder ganz zu Hause. Dann war es so, als wäre ich nie fort gewesen. Nicht so diesen November. Denn dieses Jahr war alles anders. Lockdown im ganzen Land bedeutete auch, alle Reisetätigkeiten auf das Notwendigste zu beschränken. Sehnsucht gilt nicht. Noch dazu gehören die Verwandten praktisch alle zur sogenannten „Risikogruppe“. Niemals würde ich es mir verzeihen, sie in Gefahr zu bringen. Bei ihnen zu wohnen ginge also keinesfalls.

Seitdem klar ist, dass wir nicht mehr kreuz und quer durchs Land fahren sollen, ertappe ich mich immer öfter bei einem fast kindlich selbstsüchtigen Anspruchsdenken, was den Ort betrifft, an dem mein Elternhaus steht. Als gäbe es ein Recht darauf, jederzeit dorthin zu fahren, wo man aufgewachsen ist. Wann immer einen die Sehnsucht hinaustreibt, durch das alte Viertel zu spazieren, in dem man die ersten Schritte getan hat. Auf der Suche nach bekannten Stellen, die mit den Jahren ohnehin immer weniger werden. Auf der Birkenwiese, wo wir uns heimlich zum Rauchen trafen, steht jetzt ein Block mit chicen Eigentumswohnungen. Der alte Supermarkt, auf dessen Parkplatz ich Rollschuh fahren lernte, ist jetzt eine Consultingfirma. Das Haus meiner Freundin aus Kindertagen, in dessen Garten wir ihren Hund malträtierten, weil er partout keine Kunststücke lernen wollte, haben sie überhaupt abgerissen. Stattdessen steht dort ein grellgelber Neubau einer Jungfamilie mit adrett aussehenden Kindern, die sicher niemals einen Hund quälen würden. Ich hasse dieses Gelb. Dabei hat es mir wirklich nichts getan.

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