Sie haben das Buch „Mode und andere Neurosen“ Ihrer Mutter gewidmet. Hat sie Sie modisch geprägt?

Katja Eichinger: Ja, sehr. Hauptsächlich dadurch, dass ich mich schon sehr früh, also mit dreieinhalb oder vier Jahren, selbst angezogen und selbst entschieden habe, was ich trage. Außerdem habe ich während meiner Kindheit viele Stunden vor den Umkleidekabinen von Modeboutiquen verbracht, während ich auf meine Mutter wartete. Ihr endloses Ritual, Kleider auszusuchen, sich anzuhalten, anzuprobieren, sich dann wieder auszuziehen, anzuziehen, die Gespräche mit den Verkäuferinnen – das war alles sehr rätselhaft und dabei hochfaszinierend. Und weil vieles in unserem Leben von unserem immerwährenden Versuch geleitet wird, das Enigma der Mutter zu lösen, begann ich mich für Mode und Konsumkultur zu interessieren. Also, ohne meine Mutter hätte ich wahrscheinlich nie dieses Buch geschrieben.

Worauf achten Sie beim ersten Treffen?

Auf den Gesichtsausdruck und die Körpersprache einer Person. Ob die Person sich wohlfühlt oder vielleicht gerade gestresst ist. Oft spiegelt sich das auch in der Kleidung wider. Denn die Entscheidungen, die wir morgens beim Kleiderschrank treffen, sind ja oft unbewusst und eher emotional als rational. Danach fallen mir meistens Details auf, wie ein Ring oder eine Kette. Und wenn mir das gefällt, sage ich das meistens auch. Weil es schön ist, einander wahrzunehmen und zu sehen.

Was bedeutet es, Modebewusstsein zu haben?

Das kommt ganz auf die Person an. Mode ist eine Form der Kommunikation. Einerseits ist sie Teil eines sozialen Rituals, andererseits ist Mode eine hochintime Angelegenheit, weil wir sie direkt auf unserer Haut tragen und sie unser Körpergefühl bestimmt. Modebewusstsein zu haben bedeutet, sich in diesem Spannungsfeld zu bewegen. Das kann allerdings auch völlig unbewusst stattfinden. Das ist ja das Schöne an der Mode. Jeder macht mit.

Inwiefern beeinflusst die Coronakrise den Stil des Einzelnen? Stichwort: Jogginghose im Homeoffice.

Ohne Zweifel hat sich durch die Coronakrise unser Bedürfnis nach Komfort vergrößert und legere Kleidung ist auch im beruflichen Kontext akzeptabel geworden. Aber gerade im Sommer fiel mir auf, dass viele Menschen es sehr genossen haben, wieder unter Menschen zu sein und sich dafür wieder etwas förmlicher zu kleiden. Als nach dem Lockdown wieder Menschen durch die Münchner Innenstadt flanierten, war das ein echtes Schaulaufen. Überall gebügelte Blusen und alle sehr herausgeputzt. Jetzt während des neuen Lockdowns stehe ich manchmal vor meinem Schrank und schaue sehnsüchtig auf meine Party-Klamotten. Ich kann’s kaum erwarten, wieder mit Menschen zu feiern.


Kann Mode in schweren Zeiten helfen?

Ich liebe das Gefühl von Seide oder weicher Wolle auf meiner Haut. Das wirkt sofort stimmungsaufhellend. Mode ist Komfort, Ablenkung, ein kleiner Trost. Manchmal auch ein Mutmacher. Etwas, was wir kontrollieren können in einer ansonsten unkontrollierbaren Situation.

Wird Corona die Modewelt verändern?

Die Art, wie Mode vermarktet wird – von Modenschauen bis zu den sozialen Medien –, wird sich ändern. Auch wie wir Mode konsumieren. Also eine weitere Verlagerung ins Digitale. Ich denke, der soziale und kulturelle Aspekt eines Kaufhauses oder einer Mall wird wichtiger werden. Corona hat uns ja allen bewusst gemacht, wie wesentlich und wundervoll es ist, unter Menschen zu sein. Die Frage ist auch, wie sich die wirtschaftliche Rezession und nicht gerade rosige Gesamtsituation der Weltwirtschaft auf unser Kaufverhalten auswirken wird. Schwer vorhersehbar.

Wie hat sich Ihr Einkaufsverhalten in den vergangenen Jahren verändert?

Ich trage schon immer sehr gerne Vintage. Dass man es mittlerweile auch online kaufen kann, finde ich großartig. Außerdem unterstütze ich ganz bewusst kleine, unabhängige Modelabels, wie die schottischen Wolldesigner „Hades Wool“ oder das Londoner Label „Preen“ oder „Bella Freud“. Mir ist es wichtig, dass Labels lokal oder in der EU produzieren und auf Nachhaltigkeit achten.

Hat Instagram die Mode demokratisiert oder noch mehr zum oberflächlichen Image beigetragen?

Einerseits ist Instagram ein großartiges Medium für Fotografie, Videos, kreativen Austausch und die Selbstdarstellung von kleineren Modehäusern oder jungen Designern. Gerade während des Lockdowns gab es da ganz wunderbare Interviews von Modemachern und Künstlern zu sehen. Was ich schwierig finde, ist die Tatsache, dass mit dem Erscheinen von Instagram die Nachfrage nach schönheitschirurgischen Eingriffen explodiert ist. Das Medium scheint gerade junge Frauen enorm zu verunsichern. Da werden unerreichbare Ideale geschaffen. Gleichzeitig wird ein Hyperkonsum befeuert, der für mich nichts mit der Lust an Schönheit, Sinnlichkeit und Theatralik zu tun hat, die ich mit Mode verbinde.

Wird der Mode zu wenig Anteil an der Emanzipation zugerechnet?

Mode hat viel mit Begehren zu tun, mit unserem Körpergefühl. Mode kann dieses Körpergefühl stärken und zum Selbstbewusstsein einer Frau beitragen. Aber es gibt eben auch Mode, die das Selbstwertgefühl einer Frau auf perfide Weise untergräbt und sie objektifiziert. Dass Mode deswegen von manchen Feministinnen kritisiert wird, kann ich nachvollziehen. Allerdings finde ich es falsch, Mode völlig ignorieren und aus dem feministischen Diskurs ausschließen zu wollen. Tatsache ist, der weibliche Körper und wie wir uns kleiden, ist immer noch ein Schlachtfeld der unterschiedlichsten politischen Kräfte. Das beste Beispiel dafür ist wohl der Hidschab.

Ist Diversität nun endgültig in der Modewelt angekommen?

Allein schon deswegen, weil sich der Markt verändert. Diese Welt des weißen Privilegs, an der manche Zeitschriften oder auch Modehäuser immer noch festhalten, existiert nicht mehr. Menschen mit Migrationshintergrund sind ein wichtiger Teil unserer Marktwirtschaft und auch in der Modewelt eine zunehmend wichtige Käufergruppe. Und zwar nicht nur international, wo der arabische Raum schon lange ein zentraler Markt für europäische Luxusgüter ist, sondern auch in Deutschland.

Und wie sieht es bei der Gender-Debatte aus?

Ebenso. Starre Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind in Auflösung begriffen, und die Modeindustrie muss sich damit auseinandersetzen. Es gab ja in den letzten Jahren zwei Trends: auf der einen Seite ein Kampf für mehr Diversität und für eine offene Gesellschaft, die sich als Teil der globalen Gemeinschaft begreift. Das ist gerade in der Mode ein großes Thema. Auf der anderen Seite verkörpern rechtspopulistische Politiker wie Donald Trump eine Sehnsucht nach Anti-Globalisierung. Rückzug und Aggression als Ausdruck von Angst. Ich bin aber optimistisch, dass wir diese Spaltung überwinden werden. Und die Modewelt kann und muss dazu ihren Beitrag leisten, indem sie Ängste in Begehren verwandelt.

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