Experte klärt aufFledermäuse: Durch Coronavirus zu Unrecht in Verruf geraten

Schon immer musste sich die Fledermaus mit Vorurteilen herumschlagen. Dabei sind die Mini-Batmans für viele Ökosysteme enorm wichtig, Genetiker interessieren sich für ihre Langlebigkeit.

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Über 1400 Fledermausarten gibt es weltweit
Über 1400 Fledermausarten gibt es weltweit © creativenature.nl - stock.adobe.com (Rudmer Zwerver)
 

Es könnte so schön sein: Man wacht rank und schlank aus dem Winterschlaf auf, beutelt seine kleinen Flügelchen aus und – muss leider feststellen, dass man über Nacht vom Batman zum Buhmann geworden ist. Die Fledermaus, die quält sich ohnehin seit Jahrhunderten mit Vorurteilen ab. Die Bühne, auf die sie gezerrt wird, ist breit: von der Popkultur bis zum Aberglauben. Und jetzt auch noch eine globale Pandemie. Verwandte Coronaviren wurden in Fledermäusen der chinesischen Region Wuhan gefunden, das Virus dürfte über einen tierischen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen worden sein.

Seit 25 Jahren beschäftigt sich Fledermausexperte Guido Reiter mit den Tieren und klärt gleich einmal auf: „Es gibt über 1400 bekannte Fledermausarten weltweit, und jedes Jahr kommen viele hinzu. Es sind einzelne Arten, wo dieses Virus vorkommt. Das hat aber nichts mit unseren heimischen Fledermäusen zu tun“, sorgt sich Reiter um den so wichtigen Schutz dieser Tierart. Gerade dort, wo das Virus vermutlich seinen Ausgangspunkt nahm, auf einem Wildtiermarkt in Wuhan, zeigt sich das ganze Drama, das menschgemacht ist: Nicht nur, dass die Lebensräume der Tiere immer mehr beschnitten werden, der Mensch macht durch den Wildtierhandel auch ein Zusammentreffen von Tieren möglich, die in funktionierenden Ökosystemen so nie aufeinandertreffen würden.

Jackpot für Ökosysteme

„Fledermäuse sind in Ökosystemen wie dem
Regenwald ein entscheidender Faktor, da viele Pflanzen und Bäume bei der Bestäubung auf die Fledermaus angewiesen sind. Darunter Pflanzen wie Kakao oder Früchte wie die Mango bis hin zum Tequila, der aus Früchten der Agave gewonnen wird, die im Wesentlichen von ihnen bestäubt wird. Auch in der Schädlingsbekämpfung spielen sie eine wichtige Rolle“, so Fledermausexperte Reiter.

Das Immunsystem

Fledermäuse tragen Viren in sich, können aber damit haushalten, da sie ein hochaktives Immunsystem haben. Das ist nötig, da die einzigen fliegenden Säugetiere dafür einen enormen Energieaufwand betreiben müssen. Dadurch entstehen destruktive Rückstände im Körper, die für das Tier und seine DNA schädlich sein können. Gleichzeitig wird das Protein Interferon-Alpha ausgeschüttet, das eine entzündungshemmende und antivirale Wirkung hat. So können Fledermäuse Entzündungen und Viren in Schach halten.

Fledermäuse können sehr alt werden
Fledermäuse können sehr alt werden Foto © EPA (Klaus Bogon)

Das Alter

Vor allem Genetiker interessieren sich für Fledermäuse. Grundsätzlich werden kleine Säuger nie so alt wie große Säugetiere, die Fledermaus ist da anders: „Der Rekord im Freiland, den wir kennen, betrifft eine Fledermaus, die zwischen vier bis acht Gramm wiegt und über 40 Jahre alt ist“, so der Experte. Und noch eines ist spannend – sie bleiben bis zum Schluss aktiv und können sich fortpflanzen.

Zeichen für Glück

Kleine Ironie der Geschichte: Fledermäuse gelten in China als Glückssymbol und sind seit dem 17. Jahrhundert ein immer wiederkehrendes Thema im Kunsthandwerk. Sie tragen das Glück sogar in ihrem Namen, der aus zwei Schriftzeichen besteht. Der zweite Teil ist in der Aussprache gleich wie das Schriftzeichen für Glück: „fú“.

Heimische Fledermäuse

Das Insektizid DDT habe im letzten Jahrhundert die Fledermauspopulationen in Mitteleuropa massiv dezimiert, wie Guido Reiter erklärt. Eine Erholung brauche lange und gleichzeitig setzt den Tieren auch das Insektensterben zu. Gleichzeitig sind Fledermäuse die Profiteure eines milderen Winters durch den Klimawandel. Wichtigstes Bundesland für Fledermäuse ist die Steiermark. Die Große Hufeisennase und die Langflügelfledermaus gibt es nur mehr hier.

Fledermausexperte Guido Reiter
Fledermausexperte Guido Reiter Foto © Privat

Zur Person

Guido Reiter ist Zoologe und lehrt an der Uni Wien zur Biologie, Ökologie und Naturschutzbiologie heimischer Fledermausarten. Seit 2003 ist er Leiter der Koordinationsstelle für Fledermausschutz und -forschung in Österreich (KFFÖ). www.fledermausschutz.at

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