Sie sind mit dem freien Auge nicht erkennbar und leben doch überall: Mikroorganismen besiedeln unseren Körper und das, was wir essen. Ohne sie gäbe es keine Fermentation, kein Bier und keinen Juni-Feiertag namens Fronleichnam.

Weil der Kosmos rund um die winzigen Lebewesen riesig ist, braucht es ein ganzes Spektrum der Wissenschaft, um ihnen nachzuspüren. Deshalb machten sich Mikrobiologe Helmut Jungwirth von der Universität Graz und Astronom Florian Freistetter auf, „Eine Geschichte der Welt in 100 Mikroorganismen“ zu schreiben und stießen dabei auf erstaunliche Zusammenhänge. In einem gemeinsamen Gespräch verraten die Wissenschaftler fünf spannende Hintergründe:

1. Das Ende der Banane

Wurzeln ausgraben, einsetzen, schon hat man eine neue Pflanze – Bananen lassen sich leicht vermehren. Klingt einfach, birgt aber ein Risiko. Denn alle Bananen, die in den Supermärkten zu finden sind, gehen auf eine einzige Sorte, die sogenannte Cavendish-Banane, zurück.

Ein Pilz, konkret Fusarium oxysporum, machte bereits ihrer Vorgängerin rund um die Welt den Garaus. Das droht auch der Cavendish-Banane, denn ihre Ableger sind Klone, genetisch ident.

Werden auch sie von einem Pilz befallen, könnte es mit der Produktion in den Monokulturen bergab gehen. Wilde Bananen für den Weltmarkt wären vergleichsweise rar und teurer.

2. Das Fermentieren von Kakao

Bis zu 60 Samen birgt eine Kakaofrucht. Würde man sie gleich verspeisen, wären sie für unseren Geschmack zu bitter. Eine ausgewogene Mischung aus Mikroorganismen sorgt aber dafür, dass die Samen, die noch von Fruchtfleisch umhüllt sind, mithilfe von Hefepilzen fermentieren und dabei ihr komplexes Aroma entwickeln. Nach dem Trocknen ist der Kakao dann bereit für die Schokoladenproduktion.

Spannende Kurzgeschichten: Eine Geschichte der Welt in 100 Mikroorganismen
© Hanser-Verlag

3. Das „gute“ Bakterium für den Darm

Bifidobakterien aus der Werbung müssen wir nicht zuführen, sie wohnen fast von Geburt an in uns. Wenn Bifidobakterium Bifido-Joghurt beigesetzt wird, um die Verdauung zu verbessern, dann setzt es sich nicht in unserem Darm fest. Wir wollen ja nicht, dass jede dahergelöffelte Bakterienkultur einfach so unsere körpereigene verdrängt, denn nicht jede ist uns so gewogen wie das Bifidobakterium.

Laut einer Studie von 2011 sollen die „Besucher“ aber die „Dauerbewohner“ im Darm zu mehr Aktivität anregen. Warum sie das tun, ist noch nicht ganz klar. Zumindest kann man damit nichts falsch machen.

4. Die am meisten unterschätzte Wohngemeinschaft

Wir sollten Flechten mehr Aufmerksamkeit schenken. Mehr als zehn Prozent der Erdoberfläche sind von ihnen besiedelt. Es ist eine Wohngemeinschaft aus Pilz, Alge oder Bakterium. Manche von ihnen finden in der modernen nordischen Küche Verwendung. Traditionell kommt in Island die Moossuppe auf den Tisch (siehe Rezept unten).

Manche Flechten wie Lecanora esculenta sind im wahrsten Sinn unverwüstlich – sie gedeihen in der Wüste und werden teils zum Brotbacken verwendet. Flechten wachsen langsam, mitunter nicht einmal einen Millimeter pro Jahr und sie können mehr als 1000 Jahre alt werden. Eine von ihnen überlebte sogar einen Flug ins All.

5. Der geheimnisvolle Feiertag

An Fronleichnam haben wir jedes Jahr am Donnerstag nach dem ersten Sonntag nach Pfingsten frei. Den Feiertag verdanken wir einem Bakterium. Als 1263 der böhmische Priester Peter von Prag auf dem Weg nach Rom bei einer Messe nahe Bolsena das Brot brach, waren Blutstropfen darin.

Das „Blutwunder von Bolsena“ war Anlass, einen offiziellen Festtag einzuführen. Erst 1819 untersuchte ein italienischer Pharmazeut die rötliche Färbung einer verdorbenen Polenta unter dem Mikroskop und gab ihr den Namen Serratia marcescens. Letzteres bedeutet im Lateinischen so viel wie erschlaffen, weil die rote Masse schnell matschig wurde. Serratia war der Name seines Physiklehrers. Heute wissen wir, dass das ein Bakterium ist. Es baut organische Substanzen an und kann sich dabei rot färben. Unter unhygienischen Bedingungen, im Mittelalter, konnte es im Brot schnell wachsen.