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Magic Moments: Musik-Rückblick 2020Das definitive Dutzend

Ein ungutes Jahr mit vielen guten Liedern: vom Wert der Monotonie, Geheimgütern und den Heiligen Drei Königen des Sorgenlandes.

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Schlechte Nachrichten am laufenden Band – wie ein Broken Record, das aber trotzdem einige Schätze versteckt © unsplash.com
 

Press Club – Insecurities 

Was für ein Scheißjahr. Deshalb zum Auftakt einmal Aufheizen und mit Volldampf über das Prügelbrett. Es ist immer schön, wenn Bands ihre Songs ums Eck denken, aber manchmal ist der direkte Weg der richtige – volles Risiko, ohne pseudointellektueller Rückversicherung. „Press Club“, ein fantastischer Vierer aus Australien, liefern mit „Insecurities“ nicht nur die Krachfinken-Hymne des Jahres, sondern gleich auch ein wenig Hoffnung für das nächste, bessere Jahr mit.

This shit is getting harder but we're chasing all our dreams.




Chester Watson – Life wrote itself


In der Rockmusik gibt es ein ewig unterschätztes Geheimgut: Monotonie – einen Gitarrenakkord länger spielen, einfach draufbleiben, das Solo auf nur einer Saite. Im Hip-Hop ist diese vermeintliche Eintönigkeit eine noch mächtigere Waffe: Chester Watson versteckt in seinem hypnotischen Erzählstil verschlungene Meisterwerke. Der Mann ist gerade mal Anfang 20, sein erstes Album veröffentlichte er mit 15 Jahren, „I know I made the Earth shake“, rappt er erstaunlich erwachsen auf „Life wrote itself“. Der Ernst des Bebens beginnt früh. 


Leifur James – Strange with you

Konzentration und Coolness sind für gewöhnlich Widersprüche, Anstrengung und Entspannung sind Gegenpole, die nur ganz selten in genialer Gleichzeitigkeit auftreten. Leifur James macht elektronische Musik mit der derart viel Knöpfchen, dass sie mühelos die Grenzen zwischen Soul und Künstlichkeit, Unterdosierung und Überschwang, Emotionalität und Distanz verschwischt. Und ziemlich genau dort, an dieser Grenze, wohnt das Genie. 


Jason Molina – Shadow answers the Wall

Der Song ist streng genommen nicht aus 2020, weil Jason Molina, der Meister der Traurigkeit und Verletzlichkeit, der Leermeister des Americana, schon seit 2013 nicht mehr zugegen ist. „Shadow answers the Wall“ entstammt aus seinen letzten, heuer veröffentlichten Sessions im Todesjahr, sie sind selbst für Molina-Geschulte schwer verdaubar, das Ende, die Leere, sind endgültig greifbar. Eine unheilschwangere Orgel, die an das Motiv aus R.E.M´s "E-Bow the Letter" erinnert, trägt Molinas entrückten, schwebenden Gesang sanft zu Grabe. The Band plays on, am Ende zwitschern die Vögel. 



Ultraista - Tin King

Wenn Radiohead eine Schwester hätte, sie hieße Ultraista. Das Projekt von Radiohead-Produzent Nigel Godrich und Thom-Yorke-Kollaborateur Joey Waronker zeigt eindrucksvoll, dass der warme, lebendige Sound von Radiohead Tochter mehrerer großer musikalischer Geister ist. Zur Eigenständigkeit verhilft dann aber doch genau jene, die mit Radiohead nichts am Hut hat: Sängerin Laura Bettinson führt die wie in Licht gebetteten Elektroserpentinen auf strahlende Gipfel. Ein schlechter Scherz, dass das Album "Sister" heißt. 


Sleaford Mods – Mork n´ Mindy

Was ist denn das? Ein Refrain? Eine weibliche Stimme? Gar eine Melodie, die da aus dem vorletzten Loch flötet? Sellout bei den Mods? Weit gefehlt: Es bleibt weiter keine Fresse unpoliert wenn Jason Williamson in breitestem Dialekt die Mängelliste der Wohlstandsgesellschaft referiert. Hinter der Prolo-Attitüde steckt der aufmerksame Blick von unten, das ist keine Unterhaltung, sondern Musik bei dir sich das Gehirn zusammenzieht bis es aussieht wie eine nachdenkliche Faust. 


Kevin Morby – Valley

Die zelebrierte Genügsamkeit, instrumentiert von Kevin Morby. Introvertiert ist das falsche Wort, eher isoliert – und damit genau richtig für dieses Jahr. Morby sagt nur so viel, wie auch gesagt werden muss und überlässt ab der Hälfte des Songs der Gitarre die Erzählung – und die entschwebt ins hübscheste Solo des Jahres. Der neue Bob Dylan, wieder mal.




Khruangbin & Leon Bridges – Texas Sun

Und gleich noch so einer zum Einwickeln, ein Song wie ein warmes Handtuch auf der salzigen Haut, nach dem letzten Sprung ins Meer, kurz bevor die Sonne selbst baden geht. Über Khruangbin und Leon Bridges ist 2020 ohnehin alles gesagt worden, weshalb Zuhören die bessere Wahl ist. Die Band brilliert wie immer in der Reduktion, getrieben von einer derart trittsicheren Rhythmusabteilung aus Bassistin und Drummer, die man drei Jahre auf eine einsame Insel sperren könnte und sie wüsste danach noch immer haargenau, welche Sekunde es gerade ist.


Harkin – Decade

Das beste Debüt des Jahres kommt von einer, die schon alles gesehen hat: Katie Harkin ging mit Kurt Vile und Courtney Barnett auf Tour, Lehrjahre in Rock n´Roll, die Meisterprüfung klingt nun als habe sie unterwegs auch noch Lou Reed, Patti Smith und das halbe Seattle kennengelernt. Trotzdem lässt sie die große Klangverwandschaft mit Songs wie „Decade“ mitunter ganz schön im Regen stehen. Aber das kennen sie in Seattle ja schon. 




Caribou – Sister (Floating Points Remix)


Caribou trifft Floating Points, zwei der vielleicht besten Kabelstecker und Knöpfchenverdreher der letzten Jahre. Das ist gefühlsbetonte Clubmusik und Clubmusik mit Gefühl, besonders wenn sich nach der Hälfte die Melodie fast gegenläufig zum Beat windet, werden Hüfte und Hirn eins: Hürn quasi, eine einzige Party unter der Kuscheldecke. 




MF Doom – Coco Mango (FloFilz Remix)

Und gleich noch ein Remix, dieses Mal hat sich FloFilz „Coco Mango“ von MF Doom vorgenommen und den Track einer kompletten Metamorphose unterzogen. Den Song hat er damit besser gemacht – nur Dooms Sprachakrobatik zu verbessern ist freilich unmöglich, der Mann hat mehr legendäre Verse auf Lager als die Bibel. In diesem speziellen Fall rappt er auch noch mehrsprachig und baut arabische Reime ein. Um beim biblischen Vergleich zu bleiben: Als das letze Mal jemand seine Überlegenheit so deutlich in Stein gemeißelt hat, hieß der Empfänger Moses. 




Burial, Four Tet, Thom Yorke – His Rope

Ein Abschiedsgeschenk, verpackt in noblem Understatement: Burial, Four Tet und Thom Yorke, die heiligen drei Könige im Sorgenland, schickten ihre Gaben im Dezember als streng limitierte 12-Inch an ein paar Indie-Plattenläden in London. Der Rest darf diese klanggewordene Nebelwanderung streamen und sich darin verlieren, der Text ist selbst für yorksche Verhältnisse mit tiefschwarzer Tinte geschrieben – und doch steckt ein klein wenig Hoffnung im Abgesang auf dieses Jahr.

In an instant it's all over
I'm done.

You don't have to worry
Forgiven and forgotten
Move on.


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