AccessControl ac = AccessControl.getAccessControl(request);

Weibliche SexualitätWege zum erfüllten Liebesleben

Die weibliche Sexualität ist noch immer von vielen Missverständnissen geprägt. Frauenärztin Daniela Ulrich über Frauen, ihre Lust und Denkmuster, die es abzulegen gilt.

Weibliche und männliche Sexualität sind differenziert zu betrachten © lucky1984
 

Warum ist, wenn vom primären Geschlechtsorgan der Frau gesprochen wird, zumeist von der Vagina anstatt von der Vulva die Rede?

Daniela Ulrich: Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte: Schon in der Schule werden die Kinder nicht richtig über sexuelle Gesundheit aufgeklärt. Auch als Erwachsener ist es schwierig, fachlich richtige Informationen zu erhalten. Das meiste, das man im Internet liest, kommt von Laien, und in vielen Fällen eher aus einer negativen Erfahrung heraus. Dass man nur von der Vagina statt auch von der Vulva (die gesamten äußeren primären weiblichen Geschlechtsorgane) spricht, dürfte auch aus den Zeiten kommen, in denen die Sexualität der Frau noch ­ignoriert oder gar unterdrückt wurde. Ich hoffe, dass es in Zukunft zu einer Verbesserung der Aufklärung kommt.

Forschungserkenntnisse zeigen, dass die Klitoris ein weit größeres Organ ist, als gemeinhin angenommen. Dazu gibt es Theorien, die besagen, dass es gar keine vaginalen Orgasmen gibt, sondern nur klitorale. Wie stehen Sie diesen gegenüber?

Die Klitoris besteht entwicklungsgeschichtlich aus der gleichen Anlage wie die Schwellkörper, die auch beim Mann zu finden sind. Die Klitoris ist tatsächlich viel größer als von außen ersichtlich – sie befindet sich unter den großen Schamlippen und reicht nahezu bis an den Scheideneingang heran. Daher wird durch die Stimulation des gesamten äußeren Genitals indirekt auch die Klitoris erregt. Ob eine Frau durch die Erregung der Vulva oder der Vagina zum Orgasmus kommt, ist schwer festzustellen und auch sehr subjektiv. Laut einer Studie mittels Magnetresonanz vermutet man, dass isolierte vaginale Orgasmen selten sind.

Oft hört man „Frauen reicht die körperliche Nähe zum Partner und finden Sex auch ohne Höhepunkt schön" – warum ist der weibliche Orgasmus so ins Hintertreffen geraten?

Aus der Erfahrung in meiner Sprechstunde heraus kann ich sagen, dass Frauen sich nicht damit zufrieden geben, wenn sie keinen Orgasmus haben. Die Aussage, dass Sex auch ohne Orgasmus Spaß macht, stimmt natürlich, aber Frauen zu sagen, dass sie keinen Orgasmus brauchen, finde ich nicht gut – wie der Name schon sagt ist dieser der Höhepunkt des Geschlechtsverkehrs. Um einen Orgasmus erreichen zu können, müssen viele Faktoren zusammenspielen. Eine gesunde körperliche und seelische Verfassung sind Voraussetzungen. Stressreduktion im Alltag und Akzeptanz des eigenen Körpers sind ebenfalls wichtige Punkte. Grundsätzlich sind Orgasmusstörungen häufig – 16 Prozent der Frauen haben nie einen Orgasmus, 14 Prozent immer und 32 Prozent nicht öfter als jedes vierte Mal – der Rest liegt dazwischen. Eine Sexualstörung liegt allerdings nur dann vor, wenn das Fehlen des Orgasmus – oder die fehlende Lust auf Sex – als störend empfunden wird. Eine Frau, die keinen Orgasmus hat, die das aber nicht stört, hat keine Sexualstörung.

Der weibliche Orgasmus wird oft vom männlichen abhängig gemacht. Sind der männliche und weibliche Weg zum Höhepunkt überhaupt vergleichbar?

Den weiblichen und männlichen Orgasmus muss man auf jeden Fall differenziert betrachten. Es gibt Grundprinzipien, die den Sexualitätszirkel bestimmen – diese treffen in der Theorie sowohl für Männer als auch für Frauen zu. Ich spreche vom Sexualitätszirkel nach Masters und Johnson, nach dem die einzelnen Phasen bis zum Orgasmus beschrieben werden. Wie lange die einzelnen Phasen jedoch dauern, vor allem die Lust- und Erregungsphase, ist sehr unterschiedlich. Bei Frauen dauern diese meist länger als bei Männern. Bei Männern sind auch schon rein optische Stimuli für diese Phase wirksam, wohingegen für Frauen meist mehr emotionale oder körperliche Faktoren notwendig sind. Diese Differenzierung sollte in der sexuellen Aufklärung auf alle Fälle enthalten sein. Wenn die Aufklärung fehlt oder unzureichend ist, suchen viele Menschen Rat im Internet. Pornos sind für die Aufklärung von sexueller Gesundheit allerdings schlecht geeignet, da sie zumeist für Männer gemacht sind und ­wenig auf die Bedürfnisse von Frauen eingehen.

Moraya
Die Klitoris: Größer als auf den ersten Blick vermutet © Moraya
Pornos werden aber auch von Frauen konsumiert. 2017 waren weltweit 26 Prozent aller Nutzer der Seite Pornhub weiblich.

Natürlich konsumieren auch Frauen Pornos. Sie können auch für Frauen als gedankliche Inspiration dienen. Pornos können Frauen allerdings auch unter Druck setzen, insofern, dass sie zum Beispiel so funktionieren müssen, wie dort dargestellt wird.

Ist vaginale Trockenheit tatsächlich ein häufiges Problem und haben auch jüngere Frauen damit zu kämpfen?

Vaginale Trockenheit ist vor allem bei älteren Frauen ein Problem, kann aber auch jüngere Frauen betreffen. Bei jungen Frauen ist oftmals die Pilleneinnahme dafür verantwortlich; bei älteren Frauen kann sie durch den Mangel an weiblichen Geschlechtshormonen entstehen. Spezielle Krankheiten und deren Therapien können ebenfalls eine Scheidentrockenheit verursachen. Wichtig ist hierfür eine rechtzeitige Therapie, damit es beim Geschlechtsverkehr nicht zu Schmerzen oder Verletzungen kommt.

Ist Schamlippenverkleinerung auch in Österreich ein Thema?

Ja, es gibt Frauen, die mich um Rat beziehungsweise nach Ärzten fragen, die diese Operationen anbieten. Wichtig ist hier festzuhalten, dass die Norm, wie eine Vulva auszuschauen hat, von den Medien sehr stark beeinflusst wird. Das, was als „normal" hingestellt wird, entspricht nicht der Norm. In einer Studie wurde untersucht, wie groß die Scharmlippen von Frauen sind, und es wurde festgestellt, dass es hier eine riesige Spannbreite gibt. Eines der Probleme bei OPs im Bereich der Scheide ist, dass oft Wundheilungsstörungen auftreten. Weitere Probleme sind eventuelle Sensibilitätsstörungen oder chronische Schmerzzustände.

KK
Daniela Ulrich ist an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde sowie in der Sexualmedizinischen Praxis tätig © KK

Diskutieren Sie mit - posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung! Kommentieren