Für viele war der Frühling dieses Jahres die Zeit der Vorfreude: Öffnungsschritte wurden angekündigt, die Pizza im Gastgarten wirkte zum Greifen nah und die monotonen Tage des Lockdowns schienen gezählt. Bei Philipp Braunegger war es anderes: „Für mich war es eine Zeit der völligen Leere. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wie es sich anfühlt, sich zu freuen.“ Denn der 33-Jährige erkrankte während des zweiten Lockdowns an einer Depression.

Ängste in der Kindheit 

Schon in jungen Jahren kam der Steirer ins Straucheln. Damals lautete die Diagnose Angststörung. Ein Umzug während seiner Schulzeit befeuerte niederdrückende Ängste und Sorgen. Damals zog seine Familie von Graz nach Kirchbach und wurde zu Pendlern. Für den damaligen Schüler war die neue Situation sehr ungewohnt: „Ich entwickelte starke Angst, dass meinen Eltern etwas passieren könnte, während wir räumlich getrennt sind.“ Hilfe fand Philipp Braunegger damals in Form der MET-Klopftherapie. „Damit habe ich es geschafft, meine Ängste zu besiegen.“

Von da an gelang es Braunegger, fest im Leben zu stehen. Er schloss seine Schulausbildung ab und wurde Journalist bei der Wochenzeitung „Grazer“. Doch die Pandemie stellte den jungen Mann vor neue Herausforderungen. „Bis dahin habe ich mich mit meinem Leben sehr wohlgefühlt. Ich hatte einen super Job und habe mit einem tollen Team zusammengearbeitet. Dann kamen die Lockdowns und die Homeoffice-Phase.“

Für den Journalisten war das mit einer großen Umstellung verbunden: Zum einen fehlte jede Tagesstruktur. Zum anderen war die Zeit – wie für viele – mit ständiger Einsamkeit verbunden. „Aufgrund meines Berufs war ich es gewohnt, viel Kontakt mit Menschen und durch Termine auch immer einen Plan für den Tagesablauf zu haben.“ Den ersten Lockdown überstand der 33-Jährige dennoch relativ gut: „Das Ganze hatte ein Ablaufdatum.“

Doch als es im Herbst ein zweites Mal für lange Zeit zu Hause zu bleiben hieß, wurde die Belastung zu groß: „Dazu kamen diesmal Dunkelheit und Kälte, die auch Beschäftigungen draußen einschränkte. Ich hatte das Gefühl, es gibt keine Aussicht, wann es diesmal enden wird.“ Hinzu kam, dass alle Wochentage gleich schienen und Freizeit und Arbeit immer mehr miteinander verschwammen. „Außerdem merkte man, dass die Menschen immer aggressiver mit diesem Thema umgehen. Das hat sich bei mir dann in einem starken Gefühl der Einsamkeit niedergeschlagen.“

Der Steirer rutsche in eine Depression ab. Während er im Herbst noch die Öffnungen herbeisehnte, konnte er sich im Frühling nicht mehr darüber freuen: „In mir war völlige Emotionslosigkeit und Leere. Ich war wie ein Eisblock.“ Als dann das Aufstehen am Morgen immer schwerer wurde, beschloss der Journalist, sich krankzumelden: „Ich hatte das Glück, dass mein Arbeitgeber gut darauf reagiert hat und mir alle Zeit zusprach, die ich brauche.“

Das Schlimmste war für Braunegger das Aufwachen am Morgen: „Ich dachte mir jeden Tag: ‚Jetzt geht der Kreislauf wieder von vorne los.‘“ Durchhalten ließ ihn die eigene sportliche Betätigung: „Ich habe es geschafft, weiterhin laufen zu gehen. Sport hilft dabei, sich wieder wahrzunehmen.“ Dank Psychotherapie ist der Steirer heute am Weg der Besserung und freut sich auch wieder auf die Rückkehr ins Arbeitsleben.

Dass Philipp Braunegger öffentlich zu seiner Erkrankung steht, hat seine Gründe: „Wichtig ist, dass Menschen diese Krankheit ernst nehmen und den Leuten, die daran leiden, mehr glauben. Wenn du in so einem Zustand sagst, du kannst nicht aufstehen, hat das nichts damit zu tun, dass du nicht möchtest. Du kannst wirklich nicht. Es ist unmöglich.“
Wichtig ist es seinen Erfahrungen nach auch, sich helfen zu lassen: „Nur die Wenigsten können sich da allein wieder herausholen. Man braucht Hilfe von professioneller Stelle und von seinem Umfeld.“