Zwei Tage in Folge gab es mehr als 500 Neuinfektionen an einem Tag: Stehen wir nun am Beginn einer zweiten Welle?
NIKI POPPER: Was wollen wir unter einer zweiten Welle verstehen? Es wird keinesfalls so sein, dass wir wie im Frühling völlig überraschend von einer Infektionswelle überrollt werden! Die Lage ist heute eine ganz andere, denn wir kennen die Maßnahmen, die wirken: Abstands- und Hygieneregeln einhalten, und, das ist ganz wichtig, das schnelle Testen, Nachverfolgen und Isolieren von Infizierten. All diese Maßnahmen reduzieren das Wachstum der Ansteckung. Wenn der Druck wächst, weil es zum Beispiel wieder vermehrt Treffen in Innenräumen gibt, weil das normale Leben wieder anfängt, müssen die Kapazitäten für Testen, Nachverfolgen und Isolieren mitwachsen. Und zwar schon vorab und nicht erst, wenn die Zahlen steigen – hier ist die Politik gefordert.



Wie beunruhigend ist der Anstieg der Infektionen?
POPPER: Wir müssen unterscheiden: Ist der Anstieg ein Problem für unser Gesundheitssystem oder für die Ausbreitung? Noch ist das Gesundheitssystem nicht belastet, da vor allem junge Menschen betroffen sind – diese Altersverteilung wird sich in den nächsten Wochen aber auch wieder ausgleichen. So wird es auch zu einer Erhöhung der Spitalspatienten kommen – aber wir sind noch weit davon entfernt, dass wir in den Krankenhäusern ein Problem bekommen. Auch bei den Älteren dürfte der Anteil der schweren Fälle sinken. Klar ist auch: Wir können jetzt viel höhere Patientenzahlen in den Krankenhäusern aushalten als im Frühling: Die Behandlung ist besser geworden, wir waren ja damals schon weit weg von den Kapazitätsgrenzen. Für die Infektionsausbreitung aber wird es mit jedem Hunderter-Schritt schwieriger: Wenn ich heute schon 500 Corona-Infizierte habe, ist die entscheidende Frage: Wie schnell kann ich jene finden, die von diesen 500 Infizierten angesteckt wurden? Cluster aufzulösen ist entscheidend.

Was sagen Ihre Modelle für die Zeit nach dem Schulstart voraus?
POPPER: Das ist schwierig, da es zur Rolle der Kinder in der Ausbreitung noch immer zu wenig fundiertes Wissen gibt. Es kann einen Einfluss haben, aber wir müssen endlich aufhören mit dem Finger auf den potenziell Schuldigen zu zeigen: Das Infektionsgeschehen ist ein großer Strom, der von vielen kleinen Zuflüssen gespeist wird. Es ist immer ein Bündel an Faktoren, es gibt nicht den einen Schuldigen. Und Streitereien zwischen Bund und Bürgermeistern, wie wir sie letzte Woche gesehen haben, sind dabei wirklich kontraproduktiv.

Wie gut sind wir hierzulande für den kommen Herbst gerüstet?
POPPER: Wir haben alle Instrumente, aber wir könnten besser sein: schneller im Testen, schneller im Nachverfolgen und Isolieren. Das ist entscheidend, um die Ausbreitung einzudämmen.