Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

Emotionale Gesundheit Paul Pizzera: "Männer, habt keine Angst zur Therapie zu gehen"

Paul Pizzeras Buch liefert einen humorgespickten Schlagabtausch zwischen Therapeut und Klient. Der Kabarettist über persönliche Erfahrungen und die Schwierigkeit, eigene Unzulänglichkeiten zuzugeben.

Paul Pizzera ist überzeugt: Psychotherapie kann helfen, sich selbst besser zu verstehen.
Paul Pizzera ist überzeugt: Psychotherapie kann helfen, sich selbst besser zu verstehen. © (c) Ulrike Rauch
 

Sie beschreiben in Ihrem Buch eine Sitzung beim Psychotherapeuten. Wie kommen Sie zu diesem Thema?
PAUL PIZZERA: Vor vier oder fünf Jahren hatte ich von außen betrachtet alles, was es zum Glücklichsein braucht. Trotzdem war ich es nicht. Nach Gesprächen mit meiner Familie und Freunden habe ich den Entschluss gefasst, zu einem Psychotherapeuten zu gehen. Und damit habe ich wirklich gute Erfahrungen gemacht: In nur vier Sitzungen habe ich gelernt, mir selbst die richtigen Fragen zu stellen, um zu erkennen, was mir im Leben gerade fehlt.

Denken Sie, dass es tabuisiert ist, psychologische Hilfe anzunehmen?
PAUL PIZZERA: Ja. Auch wenn man sich sonst nicht allzu viel von den Amerikanern abschauen sollte: Im Hinblick auf den Umgang mit Therapie kann man von ihnen einiges lernen. Bei uns ist man „deppert“, wenn man zur Therapie geht. Dort ist man „deppert“, wenn man es nicht tut. Ich vergleiche das gerne mit einer Wanderung: Wenn man sich beim Wandern verletzt, wäre man auch „deppert“, wenn man keine Hilfe annehmen würde.

Buchtipp

Paul Pizzeras Buch erscheint am Montag, 7.9.2020. Es lässt in eine zugespitzte Unterhaltung zwischen Klient und Therapeut eintauchen.
Die Lesedauer entspricht einer Therapiesitzung und beträgt nur 50 bis 60 Minuten. Das Buch enthält auch einen Download-Code für das Hörbuch, das gemeinsam mit Michael Niavarani eingelesen wurde.
Der hippokratische Neid, Ueberreuter,
80 Seiten, 15 Euro.


Was ist das Ziel Ihres Buchs?
PAUL PIZZERA: Es soll die Wichtigkeit von seelischer Gesundheit unterstreichen und die Angst vor der Therapie nehmen. Jeder Mensch hat irgendwann im Leben Probleme. Sehr oft reichen Gespräche mit Freunden und Familie schon aus, damit es einem besser geht. Aber wenn die Sorgen nicht aufhören, ist es keine Schande, sich Hilfe zu holen.

Denken Sie, dass es als Mann schwerer ist, sich Hilfe zu holen?
PAUL PIZZERA: Unter Männern ist es weit verbreitet, dass man hart sein muss. Deshalb möchte man nicht von sich sagen müssen, psychisch instabil zu sein. Auch in meinem Freundeskreis habe ich das gemerkt. Ich bin sehr offen mit meinen Therapieerfahrungen umgegangen. Daraufhin haben sich zwei Freundinnen auch Termine bei Psychotherapeuten ausgemacht. Von den Männern aber keiner.

Wenn man sich beim Wandern verletzt, wäre man auch „deppert“, wenn man keine Hilfe annehmen würde.

Paul Pizzera
Leiden auch Männer unter diesen Rollenbildern?
PAUL PIZZERA: Man steht sich dadurch selbst im Weg und ist nicht bereit für Veränderung. Veränderungen können einen aber total stabil machen. Ich glaube zwar, dass die Tendenz dahin geht, dass sich diese Rollenbilder verändern, aber man merkt immer noch, dass Männer sich schwertun, Schwäche zu zeigen und um Hilfe zu fragen. Damit nimmt man sich aber selbst Lebensqualität.

Was kann man sich von Ihrem Buch erwarten?
PAUL PIZZERA: Ich bin kein Experte für Psychologie, also ist es nichts, das Anspruch auf fachliche Richtigkeit stellt. Ich tue das, was ich kann: Ich bin Unterhalter und mag es, wenn etwas lustig ist und trotzdem berührt. Deshalb versuche ich die Menschen mit einer Portion Schmäh in eine ernste Thematik zu locken.

Experte im Gespräch

Wenn Männer Schwierigkeiten haben, professionelle Hilfe anzunehmen, ist das oft eine Auswirkung von Männlichkeitsvorstellungen“, sagt Psychologe und Psychotherapeut Romeo Bissuti. Vor allem männliche Privilegien spielen dabei eine Rolle: „Würde man zugeben, psychisch krank zu sein, würde man das als Statusverlust interpretieren. Und das möchte natürlich verhindert werden.“ Die Folge sei, dass viele Männer ihre Gefühle privatisieren. Unausgesprochen und vergraben können diese aber zu Folgebelastungen wie Spielsucht oder übermäßigen Alkoholkonsum führen. „Einige Männer weisen dadurch auch starkes Dominanzverhalten oder Gewaltbereitschaft auf. So soll der eigene Status verteidigt werden.“
Vonseiten der Therapeuten wird daran gearbeitet, Therapie für Männer zugänglicher zu machen. „Man muss hier schon bei jungen Burschen ansetzen“, sagt Bissuti. So sollte Männern schon in frühen Jahren die Wichtigkeit von Freundschaften vermittelt werden. „Wenn man ein oder zwei Freundschaften hat, in denen man über alles reden kann, kann das schon viel bewirken.“


In Ihrem Buch steckt viel schwarzer Humor. Ist das auch eine Ihrer Strategien, um mit schwierigen Themen umzugehen?
PAUL PIZZERA: Ich mag schwarzen Humor, denn er hilft mir, die Realität hinzunehmen. Wenn man immer alles ganz ernst nimmt, könnte man ja oft gar nicht mehr vor die Haustüre gehen. Humor ist für mich ein Ventil, aus dem Resilienz entsteht.

Wie ist es als Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, seine Schwächen zuzugeben?
PAUL PIZZERA: Niemand, der in der Öffentlichkeit steht, hat keine Schattenseiten. Ich glaube auf jeden Fall, dass die Bühne eine reinigende Wirkung hat. Man gibt Dinge von sich preis und erhält Reaktionen. Man therapiert sich dabei quasi gegenseitig, denn man kann durch diesen Austausch erkennen: Es gibt Menschen, denen es genau so geht wie mir.

Kommentare (1)

Kommentieren
tenke
1
31
Lesenswert?

DANKE

für Buch und Bericht.