Nach anstrengenden Arbeitstagen oder einer langen Reise gibt es kaum ein schöneres Gefühl, als die Wohnungstür hinter sich zu schließen, sich auf die Couch fallen zu lassen und sich so richtig daheim zu fühlen. Aber was braucht es eigentlich, damit die eigenen vier Wände mehr als nur ein Dach über dem Kopf sind? „Ausschlaggebend ist die sogenannte emotionale Ortsgebundenheit“, sagt Harald Deinsberger-Deinsweger. Als Wohn- und Architekturpsychologe beschäftigt er sich seit Jahren mit der Frage, was eine Wohnung oder ein Haus zum Wohlfühlort macht. Damit emotionale Ortsgebundenheit entstehen kann, braucht es laut dem Experten im Wesentlichen zwei Prozesse: Der erste davon ist die Aneignung. „Das heißt, dass ich die Räume in gewisser Weise benutze. Also zum Beispiel dort meine Hobbys ausübe oder Freunde einlade“, sagt der Wohnpsychologe.

Der zweite Prozess ist die Personalisierung. Hierbei werden Zimmer so gestaltet, wie man es persönlich gerne mag. „Bei Mietwohnungen sollte das im Idealfall auch in den Gemeinschaftsbereichen, wie dem Stiegenhaus, möglich sein.“ Beim Ermöglichen dieser beiden Prozesse spielt eine Vielzahl von unterschiedlichsten Faktoren eine Rolle.

Ganz oben auf der Liste der Dinge, die jeder Mensch braucht, um sich in einem Wohnraum wohlfühlen zu können, stehen die Gestaltungsmöglichkeiten. Ob man selbst gemalte Bilder aufhängt, unbedingt einen neongrünen Kühlschrank will oder sich am wohlsten fühlt, wenn Kerzen im Raum brennen: Um sich daheim so richtig fallen lassen zu können, sollte man seine persönliche Note in jedes Zimmer bringen. „Am stärksten ausgeprägt ist dieses Bedürfnis bei Jugendlichen. Studien zeigen auch, dass sich Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Zimmers positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken.“

Verschnaufpause an der frischen Luft

Um das Zuhause als sicheren Ort wahrnehmen zu können, muss das Daheim seinen Bewohnern Entspannung und Erholung ermöglichen. „Hierfür spielen Freiflächen eine zentrale Rolle“, sagt Deinsberger-Deinsweger. Dass Balkon, Garten, Terrasse und Co. wichtig für Entspannungsmomente sind, lässt sich auch gehirnphysiologisch erklären: „Im Freien werden unsere Sinne intensiver stimuliert. Dadurch werden auch mehr Gehirnregionen angesprochen“, erklärt der Experte. So zum Beispiel, wenn man die Sonne auf der Haut oder den Wind im Haar wahrnimmt. „Damit kann auch der schönste Innenraum nicht mithalten.“

Egal ob in der Wohnung oder am Balkon: natürliches Grün fördert die Entspannung.
Egal ob in der Wohnung oder am Balkon: natürliches Grün fördert die Entspannung.
© (c) Getty Images/iStockphoto (KatarzynaBialasiewicz)

Ein Bereich, zu dem viele Studien der Wohnpsychologie vorliegen, sind Pflanzen im Wohnraum. Egal ob draußen am Balkon oder drinnen im Schlafzimmer: Grünzeug fördert nachweislich die Entspannung. „Die große Empfehlung seitens der Wissenschaft lautete: Je weniger Grün man in Freibereichen oder rund um das Haus finden kann, desto mehr Pflanzen sollte man sich hineinholen“, sagt Deinsberger-Deinsweger. Auch die Naturräume in der Nähe des Zuhauses sollte man laut dem Experten nutzen: „Vor allem für Kinder ist es wichtig, Umgebungen zu haben, die die Möglichkeit bieten, selbst zu gestalten.“

Rückzugsorte sind zentral

Damit das Daheim auch ein Ort ist, an dem man zu sich selbst finden kann, braucht jede Wohnung Rückzugsorte für alle Bewohner. „Jeder hat ein Bedürfnis nach sozialer Selbstregulation. Das meint, dass man selbst bestimmen kann, wann man in Kontakt mit anderen ist und wann man alleine sein will.“ Das gelte auch schon bei Kindern. Laut dem Experten muss dafür kein eigener Raum zur Verfügung stehen. Auch die persönliche Leseecke, die durch einen Raumteiler abgegrenzt ist, kann zur Ruheoase werden. „Haben wir diese Rückzugsorte nicht, kommt es nachweislich zur Kontaktvermeidung, die sich negativ auf Beziehungen auswirkt“, sagt der Wohnpsychologe.

Eine gemütliche Ecke, die man ganz für sich allein hat: Jeder braucht einen eigenen Rückzugsort.
Eine gemütliche Ecke, die man ganz für sich allein hat: Jeder braucht einen eigenen Rückzugsort.
© (c) Getty Images (Eva-Katalin)

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie von ImmoScout24 sind es aber nicht nur Einrichtungsgegenstände, die die Wohnung zu einem Zuhause machen. An erster Stelle stand bei den Befragten die Familie. Im Gegensatz dazu spielen Nachbarn für die meisten keine große Rolle, wenn es um das Wohlfühlen geht. Aber egal, ob mit Familie oder Mitbewohner: Damit das Zusammenleben harmonisch bleibt, empfiehlt Deinsberger-Deinsweger, die Gemeinschaftsräume so zu gestalten, dass man sich nicht gegenseitig stört. So sollten Schreibtische beispielsweise nicht gleich neben der Fernsehecke platziert werden.

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