"Wie bitte, ich habe Sie leider nicht verstanden?“ Seit Monaten ist er schon Symbol und Begleiterscheinung des viel beschworenen neuen Alltags: der Mund-Nasen-Schutz. In den Öffis, im Supermarkt, auf der Baustelle oder im Büro – die Maske ist treuer Begleiter. Mittlerweile ist man auch schon um viele Erfahrungen reicher wie zum Beispiel, dass das Atmen damit mitunter schwerfällt, Brillen schnell anlaufen und ein normales Gespräch alles andere als leichtfällt.

Dazu kommt, dass es sich irgendwie unangenehm und unvollständig anfühlt, wenn man nur die Hälfte des Gesichts des Gegenübers sieht. Helmut Leder, Psychologe der Universität Wien, hat hierfür eine einfache Erklärung: „Wir müssen miteinander umgehen, ohne den gewohnten, fast automatischen Zugang zu wichtigen Informationen zu haben, die uns das unmaskierte Gesicht normal bereitstellt.“

Hierbei handelt es sich um eine breite Palette an Merkmalen wie zum Beispiel Alter und Gemütszustand. „Gesichter vermitteln ganz verschiedene Informationen durch die Ausprägung von Gesichtsteilen wie Augen, Nase und Mund sowie durch die vielfältigen Bewegungen im Gesicht. Wer jemand ist – also die Identität, den Gemütszustand, die Emotionen. Wir erkennen das ungefähre Alter, Attraktivität und auch Geschlecht – und all das geht weniger gut, wenn ein Teil des Gesichtes abgedeckt ist“, so Helmut Leder, der sich durchaus vorstellen kann, dass sich aus der Maskenpflicht auch modische Aspekte bilden werden.

Mund ist unersetzlich für Kommunikation

Aber nicht nur, dass ein zentraler und informativer Teil des Gesichts verborgen bleibt, es fällt auch schwerer, Kontakt aufzunehmen und unmissverständlich zu kommunizieren. „Der Mund ist für unsere Kommunikation unersetzlich“, erklärt Körpersprache-Experte Stefan Verra. „Die Mundmimik ist der beweglichste Teil in unserem Gesicht. Wir haben hier eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten, um unseren Gemütszustand zu zeigen, es geht ja nicht nur darum, ob wir lächeln, sondern auch darum, wie das Lächeln gemeint ist. Es kann breit, zynisch oder schmallippig sein – es erzählt eine Geschichte.“

Um diese derzeit verborgenen Informationen zu ersetzen, gebe es nun zwei Wege, erläutert Verra. Erstens: die Augenbrauen. „Sie sind eines der stärksten Mittel, die wir in unserem Gesicht zur Verfügung haben. Die Information wird durch die Maske so reduziert, dass wir nur noch den Blick des anderen sehen. Starre Blicke alleine wirken aber oft wie ein Aggressionssignal. Um das zu ändern, hebt man die Augenbrauen stark an und lässt sie auch länger oben, mindestens für eine Sekunde. Das ist ein Signal dafür, dass man den anderen wahrgenommen hat.“ Die zweite Möglichkeit besteht darin, trotz Maske zu lächeln. „Und zwar so stark, dass Wangen und Jochbein nach oben wandern und rund um die Augen kleine Fältchen entstehen. So ist das Lächeln auch für den Gesprächspartner hinter der Maske und auf Distanz erkennbar.“

Stefan Verra zeigt: Starrer Blick ohne Lächeln
© Verra
Mit breitem Lächeln
© Verra

Lesen von den Lippen ab

Warum ist es aber überhaupt so unangenehm, in ein maskiertes Gesicht zu blicken? Stefan Verra: „Man sagt zwar immer, man schaut dem anderen in die Augen. Dabei schaut man eigentlich in ein Auge. Man wechselt zwischen den Augen hin und her. Das Wichtigste ist aber: Wir hören die Worte unseres Gegenübers nicht nur, sondern wir lesen sie auch zu einem großen Teil von dessen Lippen ab. Und das fehlt uns jetzt durch die Maske.“ Deswegen könnten sich nun auch Missverständnisse häufen. Umso wichtiger ist es, sich zu vergewissern, dass das Gegenüber auch richtig verstanden hat. Verra: „Ich fürchte, dass es den Leuten nicht bewusst ist, dass man ihre Nicht-Mimik nicht sieht. Es wird zu einem Kommunikationsdesaster führen, wenn wir nicht lernen, dass wir viel deutlicher kommunizieren müssen.“

Der Körpersprache-Experte weist aber auch auf einen weiteren Punkt hin, der unsere Art, miteinander zu kommunizieren, beeinträchtigt – den Abstand. „Wir kommen, wenn wir miteinander kommunizieren, automatisch und unbewusst aufeinander zu. Nun dürfen wir uns aber nicht näher kommen. Das Ergebnis ist, dass wir Kommunikation reduzieren, wenn nicht gar vermeiden werden. Und das ist eine große Gefahr.“

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