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JEDEM ZEHNTEN GRAUT VOR DEM NÄCHSTEN ARBEITSTAGDer Job raubt Österreichs Arbeitsnehmern den Schlaf

Mehr als die Hälfte aller Österreicher hat Probleme beim Einschlafen oder Durchschlafen. Der häufigste Grund sind laut einer aktuellen Umfrage der Online-Jobbörse Stepstone.at berufliche Sorgen. Wann das Schlafdefizit auf Kosten der Gesundheit geht und was wir dagegen tun können.

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Mehr als 32 Prozent der Arbeitnehmer in Österreich können laut neuer Erhebung oft nicht einschlafen, weil sie an die Arbeit denken, und gut ein Viertel (27,2 Prozent) gibt an, dass Stress aus der Arbeit sie auch nachts belastet. Ein weiteres Viertel geht vor dem Einschlafen den vergangenen Arbeitstag im Kopf nochmal durch oder denkt schon daran, was am nächsten Tag im Büro alles erledigt werden muss. Und 16,9 Prozent denken (statt zu schlafen) darüber nach, den Job zu wechseln oder zu kündigen.

Familiensorgen sind nichts dagegen

Zum Vergleich: Nur 9,6 Prozent aller Befragten geben an, dass Familiensorgen der Grund für Ein- oder Durchschlafprobleme sind. Fast gleich vielen der Befragten, nämlich 9,7 Prozent, graut aber einfach nur vor dem nächsten Arbeitstag. Auch nach dem Aufstehen gelten für 19,2 Prozent aller Befragten die ersten Gedanken nach dem Aufwachen gleich wieder dem Job - ein Teufelskreis.

"Jeder nimmt die Ereignisse des Tages mit in den Schlaf", sagt Gerda Saletu-Zyhlarz, Leiterin des Schlaflabors der Universitätsklinik für Psychiatrie an der Medizinuniversität Wien. "Gerade, wenn ich einen anstrengenden Tag hinter mir habe, kann ich meinen Ärger nicht an der Haustür hinter mir lassen." Das betrifft auch die Träume: 69,6 Prozent hatten schon einmal einen Traum oder Albtraum vom Job - und immerhin knapp ein Viertel (23 Prozent) aller Befragten träumt ein- oder mehrmals pro Woche vom Job. Das sei aber an sich kein Problem: "Wer beruflich unter Druck steht, darf auch vom Job träumen", so die Schlafmedizinerin.  Problematisch wird es, wenn es jemand über längere Zeit hinweg nicht schafft, die Probleme und Sorgen aus der Arbeit hinter sich zu lassen - und sich damit eine handfeste Schlafstörung einhandelt. Fast die Hälfte aller Befragten (49,9 Prozent) liegt mindestens einmal pro Woche wegen der Arbeit nachts wach, gut jeder Dritte (36,6 Prozent) hat sogar öfter als zwei Mal pro Woche Probleme, zu schlafen. Und mehr als jeder Zehnte (14,1 Prozent) hat 4-6 Mal oder öfter pro Woche Probleme beim Ein- oder Durchschlafen.

Wann es ungesund wird

Wer einmal eine schlechte Nacht hat, muss sich aber nicht gleich Sorgen machen, so Saletu-Zyhlarz: "Es gibt gute und schlechte Nächte. Wer aber zwei bis drei Mal pro Woche über drei Monate hinweg Schlafstörungen hat, könnte unter einer chronischen Insomnie leiden." Am häufigsten von Schlafproblemen betroffen sind die Berufsgruppen im Gesundheitswesen: Fast zwei Drittel (63,7 Prozent) haben Probleme beim Einschlafen und Durchschlafen. Im Bundesländervergleich sind die Arbeitnehmer in Westösterreich am besten ausgeschlafen: In Tirol und Vorarlberg bekommen nur 20,4 Prozent zu wenig Schlaf während der Arbeitswoche. Im Vergleich dazu gibt in Oberösterreich und Salzburg fast jeder Dritte (32,7 Prozent) an, unter der Woche zu wenig zu schlafen.

Pro Woche fehlen fünf bis zehn Stunden

Ein Drittel aller Befragten (32,4 Prozent) verliert wegen Ein- oder Durchschlafproblemen jede Woche fünf bis zehn Stunden Schlaf - das sind bis zu 21 Tage pro Jahr. Jeder Fünfte (22,8 Prozent) muss sogar auf mehr als zehn Stunden Schlaf pro Woche verzichten - im schlimmsten Fall bis zu 30 Stunden. Gut jeder Zehnte (11,3 Prozent) geht während der Arbeitswoche deshalb täglich unausgeschlafen und müde ins Büro.

Mit 52,6 Prozent gehen übrigens mehr Frauen als Männer zwei bis drei Mal oder öfter pro Woche unausgeschlafen ins Büro - aber nur 42,4 Prozent der Männer. Das könnte auch daran liegen, dass Frauen mehr Schlaf als Männer brauchen: 21,4 Prozent der Frauen müssen mehr als acht Stunden schlafen, um am nächsten Tag fit zu sein - bei den Männern sind das nur 10,8 Prozent.

12 Stunden-Tage

Die von der Regierung geplante Regelung, Arbeitnehmer bis zu 12 Stunden arbeiten zu lassen, sei punktuell kein Problem, sagt Saletu-Zyhlarz. "Problematisch wird es, wenn diese 12-Stunden-Schichten sich häufen, sodass keine Erholungszeiten mehr bleiben - und natürlich auch dann, wenn sie von oben herab gegen den Willen des Arbeitnehmers verordnet werden können. Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins sorgt für zusätzlichen Druck, der Arbeitnehmer wiederum schlechter schlafen lässt."

Gerade im Schichtbetrieb leiden Arbeitnehmer ohnehin schon vermehrt unter Schlafstörungen, zeigt die Studie: So geben vor allem Beschäftigte im Gesundheitsbereich an, dass sich unregelmäßige Arbeitszeiten oder Schichtdienst negativ auf ihren Schlafrhythmus auswirken würden.

Wann der Schlaf nachgeholt wird

Aufgeholt wird der fehlende Schlaf gerne in der Freizeit: Knapp ein Viertel aller Befragten (21,4 Prozent) schlafen am Wochenende mehr. Das ist vom wissenschaftlichen Standpunkt her durchaus sinnvoll: Bis zu einem gewissen Grad könne man ein Schlafdefizit ausgleichen, sagt Saletu-Zyhlarz. Auch ein Mittagsschläfchen könne durchaus helfen, so die Schlafexpertin: "Ein kurzer Power-Nap von 20 bis 30 Minuten kann auch im Büro die Kraft verleihen, um danach wieder fit und mit mehr Energie weiterzumachen."

Schlafmangel macht fehleranfällig

Zumal Arbeitnehmer im unausgeschlafenen Zustand extrem anfällig für Fehler sind, zeigt die Studie: Die Befragten sind nicht nur häufiger erschöpft (11 Prozent) sowie unkonzentriert und fehleranfällig (8 Prozent), sondern auch schneller gereizt und aggressiv (8,5 Prozent), traurig und niedergeschlagen (7,2 Prozent) und haben häufiger Kopfschmerzen (7,4 Prozent) sowie Verspannungen und Rückenschmerzen (11,7 Prozent).

"Es gibt eigentlich kaum einen Funktionsbereich im menschlichen Organismus, der von Schlafstörungen langfristig nicht betroffen ist", sagt Gerda Saletu-Zyhlarz. "Man ist tagsüber öfter müde und schläfrig, weniger leistungsfähig und hat Probleme mit der Konzentration. Das erhöht das Fehlerpotential und auch die Unfallgefährdung. Auch depressive Verstimmungen, Gereiztheit und Angstreaktionen können Folgen von Schlafmangel sein. Generell sind Menschen mit Schlafmangel anfälliger für Krankheiten und müssen unter Umständen auch mit erhöhten Blutzuckerwerten und einem erhöhten Cortisol-Spiegel rechnen. Damit erhöht sich auch die Gefahr für koronare und cerebrovaskuläre Erkrankungen - wie einen Herzinfarkt oder Schlafanfall."

Alkohol und Medikamente

Um besser schlafen zu können, setzen nicht wenige auf Alkohol und Medikamente: Knapp 8 Prozent  aller Befragten greifen abends schon mal zum Bierglas oder Einschlafhilfen. Am eifrigsten sind auch hier wieder Berufsgruppen aus dem medizinischen Bereich: Hier setzen 11,7 Prozent auf Alkohol oder Medikamente - im Vergleich zu nur 3,4 Prozentaller Mitarbeiter aus der IT.

Der bewusste Einsatz schlaffördernder Medikamente könne von Schlaflosigkeit geplagten Arbeitnehmern durchaus Erleichterung verschaffen, sagt Saletu-Zyhlarz: "Wer dauerhaft schlecht schläft, denkt irgendwann an nichts anderes mehr. Diese Gedankenspirale können Einschlafhilfen durchbrechen - indem sie den Patienten zeigen, dass guter Schlaf wieder möglich ist." Keine Lösung hingegen sei der Einsatz von Alkohol, so die Schlafmedizinerin: "Man schläft zwar schneller ein. Dafür reduzieren sich in der zweiten Nachthälfte die Tiefschlafphasen. Man wacht häufiger auf - und schläft schlechter wieder ein."  Die Schlafexpertin rät betroffenen Arbeitnehmern dazu, auf ihre Schlafhygiene zu achten - und das Thema nicht zu überdramatisieren. "Jeder Schlaf ist einmal besser und einmal schlechter. Wichtig ist, das eigene Schlafbedürfnis zu kennen und im Großen und Ganzen einzuhalten. Ein, zwei Mal unausgeschlafen ins Büro zu gehen, ist okay - wer aber über Monate hinweg wirklich mehrmals pro Woche Ein- oder Durchschlafprobleme hat, sollte sich medizinische Unterstützung suchen."

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