Sein Name ist Hase Porträt von einem, der alles auslöffeln muss

Wie „Meister Lampe“ zu den Ostereiern kam, was ihn zum echten Hasenfuß macht und warum er gar nicht schnell genug laufen kann.

Feldhase auf der Wiese
Feldhase auf der Wiese © (c) APA/dpa-Zentralbild/Jens B�ttne (Jens B�ttner)
 

Ostern ohne Hase, das ist irgendwie wie Weihnachten ohne Christbaum. Dabei hat weder das eine noch das andere etwas mit uraltem Brauchtum zu tun. „Überraschung“, sagt Roswitha Orac-Stipperger, Chefkuratorin der volkskundlichen Sammlung des Museums Joanneum: „Der Eier bringende, Eier versteckende Osterhase mit teilweise sehr menschlichen Zügen ist ein relativ junges Produkt, ein Phänomen, das sich im deutschsprachigen Raum erst seit dem 19. Jahrhundert deutlich entwickelte.“
Zuerst war der Osterhase beim Bürgertum und in den Städten zu Hause, auf dem Land ließ er sich erst in der Zeit um den 1. Weltkrieg blicken.
Sicher, die extreme Fruchtbarkeit des Hasen macht das Tier symbolträchtig. „Mit der Geschichte des Osterhasen als Gabenbringer hat das alles aber nichts zu tun“, erklärt Orac-Stipperger. Für die Popularisierung des Osterhasen seien vorrangig Zuckerbäcker, frühe Kinderbuchillustratoren und die Anfänge der Bildpostkarten-Massenproduktion verantwortlich zu machen.

Knickohrhasen aus dem Erzgebirge
Der Osterhase hoppelte vor gar nicht so langer Zeit von der Stadt aufs Land Foto © (c) APA/Monika Skolimowska (Monika Skolimowska)

Einfach gesagt: „Der Osterhase war ein Modetrend.“ Dass er sich bis heute hielt, hat zweifellos auch mit der Verweltlichung des christlichen Osterfestes zu tun, die in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte. Eine weitere Ursache dürfte die prinzipielle Freude des Menschen am Paradoxon sein: „Der Hase, der die Eier bringt – und die Kinder, die tatsächlich daran glauben und nach den Nestern suchen –, das war für die Erwachsenen immer ein Spaß - und für Kinder sowieso “, sagt die Expertin.

 

Sein Name ist Feldhase - "Lepus europaeus" Foto © Fotolia

Der echte Feldhase, der für all die Geschichten Pate stand, hat indes schon längst nichts mehr zu lachen. „Hasen sind eigentlich Bewohner nährstoffarmer, karger, steppenartiger Landschaften – Trockenrasen trifft es noch am ehesten“, sagt der Wildökologe Richard Zink von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Diese Landschaftstypen sind bei uns aufgrund intensiver Landwirtschaft aber kaum noch vorhanden. „Es gibt nur noch Lebensraum aus zweiter Hand.“

Feldhasen kommen mit Fell und offenen Augen auf die Welt, weil sie auf offenem Feld geboren werden - faktisch wie auf dem Präsentierteller. Die Jungen sind schnell selbstständig und nach weniger als einem Jahr geschlechtsreif. Foto © Fotolia

Für den Feldhasen, der sowohl Beutegreifern aus der Luft als auch auf dem Boden ausgesetzt ist und der als Nestflüchter nicht einmal bei seiner Geburt einen schützenden Bau um sich hat, sondern auf dem freien Feld gewissermaßen wie auf einem Präsentierteller zur Welt kommt, ist das mehrfach fatal: Auf den monotonen Ackerflächen fällt schon der kleinste Hase trotz Tarnfarbe auf, die großen landwirtschaftlichen Maschinen töten viele der Hasenjungen, die sich bis zur letzten Sekunde in die Erde ducken – und die Nahrung ist pestizidbelastet. Der stark zunehmende Straßenverkehr bringt die Population zusätzlich unter Druck.

Stadthasen gesucht!

Über Wildtiere in der Stadt ist bisher wenig bekannt. Die Internetplattform www.stadtwildtiere.at versucht die Datenlage zu verbessern. Wer in der Stadt einen Feldhasen oder ein Wildkaninchen sichtet: Bitte hier melden!

Dabei sind Hasen, wenn die Umstände stimmen, ein wirklich fruchtbares Volk. Der erste Nachwuchs kommt schon zeitig im Frühjahr, „bei uns kann das schon im Februar sein“, erläutert Zink. Bis in den Herbst hinein sind mit einer Tragezeit von durchschnittlich 42 Tagen mehrere Würfe mit zwei bis sechs Jungen möglich. „Vom Nachwuchs erreicht aus den erwähnten Gründen allerdings kaum ein Tier das Maximalalter von rund zehn Jahren“, sagt Zink.

Die Abschussliste

Laut Statistik Austria wurden im Jagdjahr 2016/2017 in Österreich 101.174 Hasen und 4055 Wildkaninchen abgeschossen. Im Jahresvergleich ist das ein Minus von 16 bzw. 13 Prozent, was mit den einfach immer seltener vorkommenden Tieren zu tun hat.
23.300 Hasen starben laut Statistik auf den Straßen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein, weil ein Hase, der mit vielleicht 60 km/h mit einem Auto kollidiert, wohl selten auf der Straße liegen bleibt, sondern weit abseits im Gebüsch landet, wo ihn Fuchs & Co. fressen bzw. keiner den Kadaver findet.

Da helfen dem Hasen auch seine Sprinterqualitäten nicht. Feldhasen sind mit Spitzengeschwindigkeiten von rund 70 Kilometern pro Stunde viermal schneller als Nagetiere der gleichen Körpergröße. Hinzu kommt ihre Kunst, auch im Höchsttempo noch Haken schlagen zu können. Diese Flucht ist allerdings auch ein gewaltiger Kraftakt, der die Lebenserwartung des Tieres nicht gerade in die Höhe schraubt.
Der echte Hasenfuß ist folglich einer, der ständig abwägen muss, wie lange er sich bei Gefahr noch ducken und tot stellen kann, und wann er einfach um sein Leben laufen muss. Das klingt nach guten Nerven. Stimmt nur leider nicht: Die Pulsfrequenz des Tieres ist in diesen Situationen massiv erhöht. Und gute Gründe, sich zu fürchten, hat der Feldhase derzeit in der Tat. Auch wenn gerade Ostern ist.

Hase oder Kaninchen?

Feldhase und Kaninchen gehören beide zu den „Hasenartigen“, sind grundsätzlich aber sehr verschieden: Der Hase ist Einzelgänger und gräbt maximal Mulden (Sassen), das Kaninchen lebt in Kolonien und baut ganze Tunnelsysteme.

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