„Die ganze moderne amerikanische Literatur stammt von einem Buch von Mark Twain ab, das Huckleberry Finn heißt. Davor gab es nichts. Und seither hat es nichts so Gutes gegeben.“ Der Mann, der da in allerhöchsten Tönen schwärmt, ist selbst kein Unbekannter in der US-Literatur. Sein Name: Ernest Hemingway. Seine etwas allzu hymnische Lobpreisung gilt einem Buch, das 1884 als „Zwillingsroman“ zu „Tom Sawyer“ erschienen ist und das bis heute in der breiten Beurteilung zwischen Jugendbuch, Erwachsenenlektüre und Abenteuerroman changiert. Und mit dem Sklaven Jim, mit dem Huckleberry Finn seine Mississippi-Odyssee erlebt, hat Twain eine äußerst rührende Romanfigur geschaffen. Und genau hier beginnt die Problematik: Obwohl der Roman voller Gesellschaftskritik, vor allem am systemischen Rassismus, steckt, zeichnet Twain – eigentlich Samuel Langhorne Clemens – den Sklaven Jim als ziemlich einfältigen Charakter. Das macht den Roman für afroamerikanische Leser bis heute zur Herausforderung, ja Zumutung.

Aber Jim spielt nur den Dummen! „Sklavenfilter“ nennt er das. In Wahrheit ist Jim, der eigentlich James heißt, gebildet, kann lesen und bringt auch den anderen Sklaven das Lesen bei. Denn nur wenn sich die Weißen nicht unterlegen fühlen, haben es die Schwarzen (zumindest einigermaßen) gut. In seinen Träumen führt James übrigens hitzige Streitgespräche mit Voltaire über die Errungenschaften, aber auch das Versagen der Aufklärung.

Was wie eine absurde literarische Schubumkehr klingt, ist der ebenso subversive wie geniale Schachzug des US-Schriftstellers Pervical Everett, der die berühmte Geschichte von Huckleberry Finn neu erzählt, diesmal allerdings aus der Sicht des Sklaven Jim. „James“ heißt dieses Meisterwerk von Roman, das alles auf den Kopf stellt – und dadurch eine schmerzhafte Schräglage ins Gerade rückt. Und die Selbstermächtigung beginnt bei der Sprache. Twain legte den Schwarzen in seinem Roman eine spezielle Ausprägung des Südstaatenenglisch in den Mund. Dabei handelte es sich um „eine Art retardiertes, einfältiges Idiom“, wie Nikolaus Stingl, der deutsche Übersetzer des Everett-Romans in einem Vorworf anmerkt. Ein Idiom, wie es in der Literatur lange Zeit Angehörigen vermeintlich „primitiver Völker“ in den Mund gelegt wurde. Percival Everett persifliert nun dieses Idiom und enttarnt dadurch den linguistischen Diskriminierungsmechanismus. Immer wenn James oder andere Sklaven mit Weißen sprechen, verfallen sie in diesen künstlichen Slang, der der herrschenden Klasse ein Gefühl der Überlegenheit und Abgrenzung vermittelt.

Was die Handlung betrifft, bleibt Everett nah an der Vorlage Twains und erzählt eine Geschichte von Flucht, Verfolgung, Mord, Totschlag, Lynchjustiz – aber auch Freundschaft. Denn in Wahrheit sind sowohl der weiße, vom Vater misshandelte Junge als auch der schwarze, von seinen „Besitzern“ malträtierte Sklave verfolgte Outlaws, die von ihrer Freiheit träumen. „James“ ist beides, und das ist ein seltener Glücksfall: wichtiges politisches Statement und rasant geschriebenes Road- bzw. Flussmovie, denn der mystische Mississippi zieht sich auch bei Everett wie ein schlammiges Lebewesen durch das Geschehen.

Percival Everett hat bereits die Roman-Vorlage für den oscarprämierten Film „American Fiction“, in dem ebenfalls Rassenklischees enttarnt werden, geliefert. „James“ verdient ebenfalls die höchsten Auszeichnungen.

Percival Everett. James. Hanser, 330 Seiten, 26,80 Euro.