Eröffnung am 9. SeptemberDer steirische herbst geht ins Freie

Der steirische herbst geht ab 9. September ins Freie. Unter dem Motto „The Way Out“ geht es aber auch um Alternativen und Auswege.

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herbst-Intendantin Ekaterina Degot © CLARA WILDBERGER
 

"Der Weg ins Freie": Das Schnitzler’sche Motto des steirischen herbst 2021 ist eine Reaktion auf die Pandemie. Das Festival wurde heuer bewusst früher im Kalender platziert, um die Ausläufer des Spätsommers besser für ein Programm zu nutzen, das sich stark in den öffentlichen Raum verlagert. Das Draußen als Ort der Zusammenkunft – dies ist eines der zentralen Motive für die herbst-Intendantin Ekaterina Degot, die mit dieser Ausgabe die traditionellen Kunsträume verlassen möchte, um das Geschehen „out of the Kunstblase“ zu positionieren, wie Degot in ihrem unnachahmlichen Sprachgemisch ausführt.

Die Aus- und Fluchtwege aus Institutionen und Systemen, die durch „The Way Out“ mitkonnotiert sind, waren aber nicht handlungsanleitend. Degot: „Wir haben keine Arbeiten zum Motto verlangt, das Wichtigste passiert zwischen den Werken.“ Die Korrespondenzen zwischen einzelnen künstlerischen Arbeiten könnten so gleichsam zum thematisch-motivischen Raster werden, innerhalb dessen sich nicht nur der Status quo verorten lässt, sondern innerhalb dessen auch Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten verhandelt werden. Was dem „Abgrund“ (das Festivalthema 2020) heuer doch etwas Optimistisches entgegensetzt.

Die Eröffnung läuft wieder in mehreren Akten ab (Europlatz, Volksgarten, Hauptplatz), wobei neben der Rede der Intendantin unter anderem Programm-Teaser und eine Arbeit der für ihre Lichtinstallationen bekannten Künstlerin Marinella Senatore im Zentrum stehen. Ebenfalls schon am 9. September startet Tino Sehgal sein Projekt „Sonnenauf- bis Sonnenuntergang“. Während dieses Zeitraums lässt er Dutzende nicht gekennzeichnete Akteurinnen und Akteure in Augartenbucht und Stadtpark in Kontakt mit ihrer Umwelt treten.

Immer wieder mit Stolz betont das herbst-Team, dass es sich bei allen Arbeiten um exklusive Auftragswerke handelt. Angesichts der herrschenden Koproduktionsflut im internationalen Performancegeschäft ist das auch erwähnenswert. Die größeren Performances werden „drinnen“, im Grazer Orpheum stattfinden. (Bei Veranstaltungen in Innenräumen hat sich das Festival FFP2-Maskenpflicht verordnet.) Hito Steyerl und Mark Waschke führen einen „digitalen Bauernkrieg“ (Degot: „eine Komödie“) auf, während Yael Bartana die Geister der jüdisch-österreichischen Geschichte beschwört und Ziga Divjak in „Fieber“ den Klimawandel behandelt.

Aber eine „Invisible Opera“ bringt das Geschehen wieder zurück in den öffentlichen Raum und macht den Mariahilferplatz zur Opernbühne. Reverend Billy vollführt eine „Notwendige Unterbrechung“ während des Volksfestes „Aufsteirern“, von dem Stefanie Sargnagel als Korrespondentin berichten wird. Letzteres als Teil der „Lageberichte“, für dich sich wöchentlich Künstlerinnen und Künstler mit der Grazer Gegenwart auseinandersetzen. Pia Hierzegger etwa mit der Grazer Gemeinderatswahl.

Ein großer Pop-up-Markt für Kunst auf Papier im Innenhof des Palais Attems, eine Installation am Esperantoplatz, in der sich Thomas Hirschhorn mit der Jahrhundertfigur Simone Weil und der Gedenkkultur auseinandersetzt, kritische Fragen zur Grazer Geschichte mit dem Büro Clio, Radausflüge mit der Kunstvermittlung, insgesamt vier Festivals im Festival (neben dem ORF-musikprotokoll auch „Out of Joint“ im Literaturhaus) sowie eine Abschlussgala in der List-Halle und vieles mehr: Das Programm sprengt jeden Versuch der Aufzählung.

Eine Ausnahme zum Kalkül, Auftragsarbeiten nicht ans Motto zu knüpfen, gab es auch, die Resultate sind im Grazer Stadtraum bereits sichtbar. Zehn Künstler wurden eingeladen, Plakate zum Festivalmotto „The Way Out“ zu gestalten. Die Beiträge kommen von Weltkünstlern wie Hans Haacke und Rosemarie Trockel. Auffallend das Sujet von Amanullah Mojadidi, der einen Buben in den Wald marschieren lässt. Der afghanische Künstler befand sich in einer der US-Militärmaschinen, die in den letzten Tagen noch vom Flughafen in Kabul abgehoben haben.

Die Plakate sind auch als Hommage an eine stolze herbst-Tradition gemeint. Greifbar wird das am Beitrag des Ex-Intendanten Horst Gerhard Haberl, der unvergessene Sujets zu Festivalthemen wie „Amerika“ und „Große Gefühle“ verantwortet hatte. Sein aktueller Beitrag zeigt einen ausgespuckten Pfirsichkern, eventuell auch eine Reminiszenz an die fast vergessene Kunstzeitschrift „pfirsich“ der 70-er.

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