Interview mit Olga FlorKultur braucht den realen Austausch

Die Schriftstellerin Olga Flor hat die Coronapause mit viel Arbeit verbracht. Jetzt kommt einer ihrer Romane auf die Bühne.

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Olga Flor: Geboren in Wien, aufgewachsen in Graz, Wien und Köln. © Lisa Rastl
 

Sie haben als Schriftstellerin häufig auf aktuelle Ereignisse reagiert. Brodelt schon ein Corona-Buch in Ihrem Kopf?

OLGA FLOR: Noch nicht. Ich habe bereits ein Buch geschrieben, „Talschluss“, in dem eine Epidemie eine Rolle spielt, allerdings eine Tierseuche. Mein neuer Roman „Morituri“, an dessen Fertigstellung ich gerade arbeite und der im Frühjahr 2021 erscheinen wird, hat eher nationalistische Abgrenzung und die Verehrung populistischer Führungsfiguren zum Thema. Und den Wahn der Lebensverlängerung um jeden Preis, zumindest für einige Auserwählte, die sich das leisten können.

Wie sind Sie mit der Zwangspause umgegangen?

Ich habe an meinem Roman gearbeitet und ich bin viel spazieren gegangen. Hart war die Absage der nun am 9. September in Wiener Neustadt nachgeholten Uraufführung von „Die Königin ist tot“, vor allem auch für das Theaterteam. Die Schauspielerinnen haben am Tag der Generalprobe von der Absage erfahren, auf die sie wochenlang hingearbeitet hatten – so etwas ist ein grenzwertiges Erlebnis.

Vor allem Lesungen und andere öffentliche Veranstaltungen fallen aus – und damit eine wichtige Einnahmequelle. Wie belastend ist diese Situation?

Sie ist belastend. Zum Glück gab es in der zweiten Phase des Unterstützungsprogramms für Kulturschaffende tatsächlich eine Auszahlung, die ein bisschen ein Puffer ist. Aber mittelfristig ist ganz wichtig, dass es einen realistischen Umgang mit Kulturveranstaltungen in Zeiten der Pandemie gibt, die uns wohl länger begleiten wird – Kultur braucht auch den realen Austausch, das heißt physische Gegenwart der Beteiligten.

Ihr Roman „Die Königin ist tot“ wird auf der Bühne uraufgeführt. Zum Buch schrieb ein Kritiker: „Ein kluger, aber auch böser und entlarvender Gesellschaftsroman über Macht, Medien und Manipulation.“ Näher an der Zeit kann man wohl nicht sein!

Ja, das ist seltsam. Das Buch ist meine Auseinandersetzung mit der Figur von Shakespeares „Lady Macbeth“. Als König habe ich einen alternden Medienzaren gewählt, der Politik – allerdings aus dem Hintergrund – macht und eine junge, ehrgeizige Europäerin heiratet. Die Ähnlichkeit mit dem amerikanischen Präsidentenpaar ist Zufall, oder eher: Figuren wie diese lagen wohl schon 2012 in der Luft. Allerdings hat mein König Duncan Verstand und auch Stil.

Sie sind nicht die erste Schriftstellerin, die sich „Macbeth“ annimmt. Shakespeare ist ein ewig gültiger Autor.

Ja. Ich finde auch gerade in „Macbeth“ Passagen, die mir in ihrem Nihilismus erstaunlich modern scheinen. Auch die Beziehung zwischen dem Paar Macbeth verläuft auf Augenhöhe, so lange, bis Lady Macbeth ihre dramaturgische Funktion erfüllt hat und sie eher sang- und klanglos aus dem Stück verschwindet. Das ist der Punkt, an dem mein Text ansetzt: Lady Macbeth in ihrem Bergfried, der bei mir eine oberste Hochhausetage in Chicago ist. Ich mag Shakespeares intensive Sprache, den Funken, den er aus dem Wortspiel und der gebundenen Form schlägt.

Eines Ihrer Bücher trägt den Titel „Politik der Emotion“. Wie würden Sie die Politik dieses Landes, die Kulturpolitik in den letzten Monaten beschreiben?

Kultur macht Menschen zu Menschen. Bis die Politik diesen Stellenwert anerkennt, dauert es wohl noch. Und allgemein: Der Instinkt, auf jedes Problem erst einmal mit nationaler Abgrenzung zu reagieren, real und im übertragenen Sinn, ist dem österreichischen Bundeskanzler leider erhalten geblieben: Das ist zerstörerisch. Dabei wurde und wird sehr viel europäisches Porzellan zerschlagen, und ob das kittbar sein wird, ist nicht absehbar. Europa muss gerade in der Krise auf europäischer Ebene einheitlich agieren, sonst droht Zerfall.

Zur Aufführung

„Die Königin ist tot“ wird beim Bloody Crown Festival in Wiener Neustadt uraufgeführt.
Inszenierung Anna Maria Krassnig
Premiere ist am 9. September, Vorstellungen bis zum 4. Oktober.
www.wortwiege.at

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