PremierenkritikWie das Publikum am Nordwestbahnhof zum Zug kommt

Das Grazer Theater im Bahnhof bespielt mit Tracing Spaces den verwunschen verwucherten Wiener Westbahnhof - ein furioser Abend im Stehen, Gehen und Fahren.

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Auf den Gleisen wächst Gras und auch sonst ist an Nordwestpassage ziemlich viel hinreißend © Stefan Beer
 

Gar nicht verkopft ist die Vereinnahmung des einstigen Kopfbahnhofes und Logistik-Knotens durch das Theater im Bahnhof und Tracing Spaces: In "Nordwestpassage" bespielen die beiden Institutionen einen hinreißenden Lost Space: den Nordwestbahnhof Wien.

Als Ticket fungiert eine Warnweste („Bitte die Eintrittskarte immer anlassen2), mit der Besucher durch Teile des 44 Hektar großen, verwunschen verwucherten Areals in der Brigittenau geschleust werden. Station für Station (auf Lkw-Rampen, per pedes oder auf Draisinen) erfahren sie die Geschichte: Originale wie ein Donaudampfschifffahrtskapitän mit Rauschebart, Mütze und Erklärbärliebe erzählen, warum sie immer rauswollten, Hackler Branko philosophiert über eine schwarze Pappel und seine Ambitionen, Schauspieler zu werden. Und eine Anrainerin berichtet: "Fast schon so lange, wie ich lebe, wird davon gesprochen, den Nordwestbahnhof abzusiedeln."

Die Logistik dieses zweistündigen Marathons ist ausgefeilt – sie pendelt zwischen persönlichen Erinnerungen, humorvollen Elementen wie einem von Martina Zinner köstlich moderierten „Tanz durch die konkreten Motive aus der Geschichte des Areals“, alten Relikten wie Plakaten, der Musik („Ein Zug wird kommen“) und Leichtigkeit. Wer an diesem Abend zum Zug kommt? Das Publikum, das beseelte.

Wechselvolle Geschichte

Wer die Möglichkeit hat, das 1872 unfertig eröffnete Areal zu entern, das in seiner Blütezeit eine wichtige Achse von Wien nach Berlin oder Hamburg war, erlebt einen hinreißend vergessenen Ort. Ein geniales Instagram-Überraschungsei. Ein Setting, in dem - auch wenn es gar nicht danach aussieht - nach 18 Uhr nach wie vor Güterzüge fahren. Der Ort dient als Lagerraum, Fahrschulfläche, Büro oder künstlerische Außenstelle. Die Architekten Michael Zinganel und Michael Hieslmair sind hier mit ihrer Plattform „Tracing Spacing“ seit 2014 zu Hause.

Ein kleines Museum

Mittlerweile haben sie schon so viele Artefakte über den Ort gesammelt, dass sich ein kleines, feines Museum ausgeht. „Immer wieder bringen uns auch Angestellte Dokumente, Bilder oder Schilder“, sagt Zinganel. Dieser Bahnhof hat eine spannende Geschichte hinter sich, und Zinganel kennt zu jeder Epoche mindestens eine Anekdote: Ausgestellt sind Videos von Propagandareden von Adolf Hitler oder Hermann Göring kurz nach dem sogenannten „Anschluss“ 1938 oder Bilder von der Ausstellung „Der ewige Jude“, die ebenso im Bahnhof gezeigt wurde.


Dramatische, aber auch pionierhafte Geschichte wurde schon davor geschrieben: 1913 wurde hier der sozialdemokratische Politiker Franz Schuhmeier ermordet. 1927 wurde die nutzlose Bahnhalle zur ersten Indoor-Skihalle der Welt. Schon ab 1899 waren Fische aus der Nordsee hierhergebracht worden, ab September 1912 Bananen aus Westindien. „Davon zeugen noch die Namen Nordsee- oder Bananenstraße auf einer alten Karte“, sagt Zinganel.

 

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