Onlinekritik"The Fountainhead" am Grazer Schauspielhaus: Wenn Altruismus unglücklich macht

Mit der Dramatisierung von Ayn Rands Roman startet das Grazer Schauspielhaus in die neue Saison. Ein Auftakt, der es niemandem leicht macht.

Evamaria Salcher und Fredrik Jan Hofmann in "The Fountainhead" am Schauspielhaus Graz © Lupi Spuma/ Schauspielhaus Graz
 

Zwei Architekten. Der eine ein kompromissloser Kreativer und idealistischer Feuerkopf. Der andere ein wenig talentierter Karrierist, der es versteht, den Massengeschmack zu bedienen und es sich mit den Wichtigen zu richten: Diese beiden lebenslangen Kontrahenten machte Ayn Rand in ihrem 1943 veröffentlichten Roman "The Fountainhead" zu Vehikeln ihrer These, dass nur radikaler Egoismus und unbedingter Individualismus Genie und damit Fortschritt ermöglicht.

Dass nicht nur amerikanische Konservative, angefangen mit Donald Trump, die als "Objektivismus" zur Philosophie hochgejazzten Thesen der Autorin (1905-1982) bewundern, macht den Text plötzlich wieder diskussionswürdig. Im Grazer Schauspielhaus hat Regisseur Daniel Foerster eine Dramatisierung besorgt, die sowohl Pathos als auch Lächerlichkeit beider Ideengebäude ausstellt. Im fantastischen Bühnenbild von Lydia Huller und Robert Sievert wird ein labyrinthisches Baugerüst, das die Beine eines halbfertig errichteten Kolosses umschließt, zum Schauplatz einer dreieinhalbstündigen, visuell hinreißenden und mitunter durchaus komischen Reflexion über Genie, Mittelmaß, Eros und die Mechaniken der Gesellschaft.

Als getriebenes Architektengenie Howard Roark brilliert Fredrik Jan Hofmann in einer Rolle, die wenig Raum lässt, um nach Sympathien zu heischen. Nicht weniger unsympathisch gestaltet Florian Köhler Roarks opportunistischen Freund und Konkurrenten Peter Keating aus. Evamaria Salcher behauptet sich als Femme fatale, Henriette Blumenau als zunehmend verbitternde Altruistin. Als Zeitungstycoon und mieser Journalist legen Nico Link und Franz Solar Kabinettstückchen der Verkommenheit vor.

Fredrik Jan Hofmann und Florian Köhler Foto © Lupi Spuma/ Schauspielhaus Graz

Im Gegensatz zu Ayn Rand konturiert Regisseur Foerster die gegensätzlichen Positionen, ohne sich auf eine Gewinnerperspektive festzulegen. Das geht nicht ohne Redundanzen ab. Trotz etlicher Längen vor allem in der zweiten Hälfte wurde der Abend freundlich beklatscht. Und auch wenn "The Fountainhead" nicht gerade ein Publikumsschmeichler zum Saisonstart ist: Als Einladung, den aktuellen Zustand einer polarisierten Welt auch als Resultat eines längst überwunden geglaubten Richtungsstreits zwischen Individuum und Kollektiv zu begreifen, funktioniert er. Als Wiedererweckung des Werks von Ayn Rand wohl eher weniger. An dieser Produktion liegt's aber nicht.

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