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MikrometeoritenAls Jon Larsen die Sterne auf der Erde einfing

Er ist ein begnadeter Jazzmusiker. Doch eines Tages fand der Norweger in seiner Gartenlaube Partikel, die aus dem Weltall stammen. Er identifiziert die Steine als Mikrometeoriten und widerlegte damit die bisherige Wissenschaft. Sogar die Nasa zeigte sich begeistert.

Jon Larsen mit seinen Schätzen
Jon Larsen mit seinen Schätzen © Beneveto
 

Die Sterne funkeln. Das schon. Aber irgendwie stellt sich der erwartete innerliche Urknall nicht ein. Es ist eher ein anschleichendes Plopp im Kopf, wenn Jon Larsen seine kleine Schatztruhe öffnet. Da liegen die Mikrometeoriten winzigst inmitten von weißer Watte und glitzern vor sich hin. Milliarden Jahre alte Weltraumpartikel, die zu Hunderten Tonnen auf die Erde geprasselt sind, aber bislang als unauffindbar galten. Sternenreste so fein wie Feenstaub.

Der Norweger wirkt aber keineswegs enttäuscht. Er lässt der staunenden Ruhe Zeit, sich im Raum auszubreiten. Immerhin hat er gerade ein Fenster in die Unendlichkeit geöffnet. Wie soll man das auch sofort begreifen? Auf dem Tisch liegt eine kleine Weltsensation. Die Wissenschaft hat stets ausgeschlossen, dass man solche Schätze auf der Erde finden werde. Aber der 60-Jährige hat sie entdeckt, fotografiert und damit Astrophysiker und Astrogeologen gleichermaßen überrascht.
Dabei ist Larsen per se kein Wissenschaftler. Er wurde für seine Kunst an der Jazzgitarre in Norwegen und über die Grenzen hinaus bekannt.

Mikrometeoriten
Mikrometeoriten Foto © Beneveto

Astrogeologie ist sein Hobby, sein Wissen hat er sich autodidaktisch angeeignet. „Ich habe Steine und Mineralien schon als Kind gesammelt“, erzählt der Norweger. „Ohne meine Sammelerfahrungen und die vielen Dinge, die ich über Mineralien und Chemie gelesen habe, hätte ich diese Steine nie entdeckt.“

Alles begann im Juli 2009 in seinem Wochenendhaus in Brevik, eineinhalb Stunden Autofahrt von Oslo entfernt. „Ich habe gerade das Frühstück vorbereitet und den weißen Verandatisch gereinigt“, erzählt Larsen. Es ist der Höhepunkt jedes Sommers mit seiner Familie. Der große Korb mit frisch geernteten Erdbeeren stand schon bereit. Da blitzte ihm etwas im Sonnenlicht entgegen. Er vermutete sofort, dass es etwas Besonderes ist. „Ich habe das Staubkorn in eine Streichholzschachtel gepackt, um es mir später anzuschauen.“ Doch als er ein Mikroskop Wochen später zur Hand hatte, war die Schachtel nicht auffindbar. „Da hat meine Jagd nach dem Sternenstaub begonnen.“

Larsen beim Sammeln
Larsen beim Sammeln Foto © (c) Bergensavisen AS

Jon Larsen las in den Monaten danach alles, was er über Meteoriten finden konnte. „Doch es gab nur sehr  wenig Informationen über kosmischen Staub im Internet und auch nicht in der Bibliothek der Universität Oslo.“ Er las aber alles, was er in die Hand bekam. „Dabei musste ich erst einmal lernen, wissenschaftliche Schriften überhaupt richtig zu verstehen.“ Er war ja Musiker und kein studierter Forscher.

„Zwei Dinge stellte ich dabei fest“, sagt Larsen. „Erstens wusste man zwar, dass solche Partikel ständig überall auf die Erde hinabregnen, doch zweitens hielt man es für unmöglich, solche Partikel zu finden.“ Allerdings fand er auch den Hinweis, dass die meisten Meteoriten den Stoff Magnetit beinhalten, der magnetisch ist. Mit einem Magneten, einem Sieb und einer Spülbürste ausgerüstet, machte er sich auf die systematische Suche. Er kroch Meter um Meter durch den Straßenstaub mit seinem Magneten, was natürlich auch viel irdisches Material zutage förderte. Er baute sich einen Spezialapparat, mit dem er durch das Mikroskop fotografieren konnte. 3000-fach vergrößert und trotzdem in Farbe. „Mir öffnete sich ein faszinierendes Panaroma“, sagt Larsen.

Beneveto Benevento, 344 Seiten, 22 Euro.
Benevento, 344 Seiten, 22 Euro. © Beneveto

Autor und Buch

Jon Larsen, 1959 in Oslo geboren, ist gegnadeter Jazzgitarrist und Gastwissenschaftler an der Universität Oslo, wo er sich der Erforschung von Sternenstaub widmet. Seine Methode zur Identifizierung von Mikrometeoriten wurde vom „Discover Magazine“ zum bedeutendsten wissenschaftlichen Fund 2017 gekürt.

Sternenjäger. Meine Suche nach dem Stoff, aus dem das Universum gemacht ist. Benevento, 344 Seiten, 22 Euro.

Vieles ist darunter, auch Sphärulen – geschmolzene Spuren von Meteoriten. Aber eben keine Mikrometeoriten. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse auf Facebook. Es war der Schritt in die Wissenschaft, denn ein Forscher nahm Kontakt zu ihm auf und bot ihm Unterstützung an. „Ich habe damit begonnen, alle Arten von Staub zu kartieren und zu systematisieren.“ Damit gelang ihm schließlich, junge Meteoriten zu bestimmen, die erst wenige Wochen auf der Erde gelandet waren und nicht von Meteoriteneinschlägen aus Urzeiten.

Im Jahr 2016 nahm der Norweger Kontakt zur amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa auf, die seit Jahren ein Programm „Stardust“ haben, wo sie Partikel aus dem Weltraum untersuchen – aber eben im All gesammelt. Sie luden ihn nach Houston ein und boten ihm an, sein Material zu untersuchen. Im Gegenzug stieg er mit Nasa-Experten auf deren Dach und fand – zur Überraschung der Forscher – auch dort Mikrometeoriten.

Überall sind die Mikrometeoriten auffindbar

Überall auf der Welt fänden sich solche Partikel, sagt Larsen. Gehäuft sei es lediglich dort, wo Wind den Staub wegen einer Barriere häufe. Deshalb sucht er auf Dächern speziell dort. In 50 Ländern rund um den Globus hat er bereits gesucht und immer eine ähnliche Anzahl gefunden. „Ich suche auf Google Earth nach großen Dächern und frage dann um Erlaubnis, dort suchen zu dürfen.“ 2500 kleine Steine aus dem All hat er bereits in seiner Sammlung. Allein in seinem Garten findet er jedes Jahr zwei bis drei Mikrometeoriten bei der jährlichen Säuberung der Regenrinne.

Mittlerweile ist er so etwa wie ein Rockstar unter den kosmischen Steinesammlern. Seine Reise durch das Weltall auf der Erde hat er in einem Buch aufgeschrieben. „Sternenjäger“ heißt es, weil auch er so genannt wird. 2017 wurde seine Entdeckung vom „Discover Magazine“ zum wissenschaftlichen Beitrag des Jahres gekürt. Er geht inzwischen in der Universität Oslo ein und aus. Bei allem Forscherdrang ist er aber Künstler geblieben. Ihn fasziniert die Schönheit. „Jeder neue Mikrometeorit ist völlig anders.“

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