Im stetig wachsenden Kosmos der Streaminganbieter erleben True-Crime-Formate derzeit eine Hochphase, glatt könnte man von einer Marktübersättigung sprechen. Der Erfolg der Netflix-Serie "Dahmer" brachte das Fass unlängst zum Überlaufen. Der Heißhunger auf Geschichten über Serienmörder, über morbide Fälle, die Einblicke in grausame, menschliche Abgründe gewähren, scheint größer denn je. Diese Faszination hat längst auch das deutsche Publikum erobert – es war nur eine Frage der Zeit, bis das Land der Dichter und Denker mit einer eigenen Produktion auf die Trendwelle aufspringt.
Mit "German Crime Story" legt man nun das urdeutsche Pendant zum amerikanischen True-Crime-Hype vor. Orientiert hat man sich hierfür am Erfolg des preisgekrönten Anthologie-Formats "American Crime Story", das staffelweise viel besprochene Kriminalfälle wie etwa die berüchtigte Gerichtsverhandlung gegen Ex-Football-Spieler O. J. Simpson oder den Mord an Modedesigner Gianni Versace thematisierte.

In der ersten Staffel des deutschen Ablegers mit dem Zusatztitel "Gefesselt" beleuchtet man die unheimliche Geschichte von Lutz Reinström, vielerorts besser bekannt als der "Säurefassmörder" von Hamburg. Zwischen 1986 und 1991 entführte der schrullige Pelzhändler drei Frauen, folterte diese in seinem Bunker und brachte zwei davon kaltblütig zur Strecke. Um seine sadomasochistischen Vorlieben zu stillen, nötigte er seine gefesselten Opfer zu sexuellen Ritualen. Die zerstückelten Einzelteile der ermordeten Frauen versteckte er schließlich in kleinen Säurefässern, die er dann im eigenen Garten verscharrte. Eine gewisse Distanz zum Geschehen war dem Produktionsteam rund um Regisseur Florian Schwarz ein großes Anliegen, die Namen jeglicher real involvierter Personen wurden daher abgeändert. Aus Reinström wird somit Raik Doormann (Oliver Masucci), ein Macho und Chauvinist wie er im Buche steht, der sein Umfeld mittels manipulativem Charme und plattdeutscher Schnauze aber gekonnt um den Finger wickelt.

Die sechsteilige Staffel macht zu keiner Sekunde einen Hehl daraus, dass Doormann die ihm vorgeworfenen Taten tatsächlich begangen hat. Mit seinem augenscheinlich bodenständigen, verspielten Auftreten konnte der Mehrfachmörder jedoch gute Bekannte, Gerichtszeugen und selbst Beamte lange Zeit hinters Licht führen. Und diese Form der Massenmanipulation, die ihren Ursprung in gesellschaftlich verankerten, misogynen Verhaltensmustern fand, arbeitet die Serie intelligent heraus. Als die Ermittlerin Nela Langenbeck (Angelina Hätsch: eine aufwühlende Darbietung) brisante Verbindungen zwischen vergangenen Vermisstenfällen und Doorman entdeckt, wird sie von ihrer männlichen Belegschaft als Spinnerin belächelt. "Die Frauen, die übertreiben doch nur", lautet die Devise am Revier. Patriarchale Machtstrukturen innerhalb des deutschen Polizeibetriebs werden präzise analysiert und filterlos dargestellt. Auch handwerklich vermag die Serie mit einem außergewöhnlichen Gespür für zeitliches Setting und fein aufgebauter Suspense zu brillieren.

Als Serienkiller-Porträt ist das alles aber noch ausbaufähig. Über ungelenk eingestreute Rückblenden will man in die Psyche des Täters eindringen, begibt sich damit gleichzeitig aber in moralische Grauzonen, stößt ab und zu sogar an eine gefährliche Form des Heroisierungskults. In manchen Szenen wirkt es, als wäre man eher bemüht gewesen, plumpen Schock zu inszenieren, als ein nachhaltiges, gänzlich glaubhaftes Psychogramm zu zeichnen. Gewiefte Beobachtungen männlicher Dominanzstrukturen und technische Finesse, die locker mit internationalen Vorbildern mithalten kann, machen den Auftakt dieses neuen True-Crime-Ablegers aber allemal zu einem nervenzerfetzenden Ritt entlang menschlicher Abgründe. Man darf gespannt sein, welche Fälle deutscher Kriminalgeschichte als nächstes bearbeitet werden.

Bewertung: ★ ★ ★ ☆ ☆ (3/5)

"German Crime Story" ist auf Amazon Prime zu sehen.