Henry Selick ist ein wahres Urgestein des Stop-Motion-Films. Moderne Klassiker wie „Nightmare Before Christmas" und „Coraline", die aufgrund ihrer gespenstischen Prämissen fälschlicherweise oft seinem Regiekollegen Tim Burton zugeschrieben werden, gehen auf die Kappe des heute 69-jährigen Amerikaners. Nach dreizehnjähriger Abstinenz meldet sich die Animations-Koryphäe endlich mit einer neuen Arbeit zurück. Für das Stop-Motion-Abenteuer „Wendell & Wild" hat sich Selick gleich eine der vielversprechendsten Stimmen des gegenwärtigen Horrorkinos mit ins Boot geholt: Jordan Peele. Der Kopf hinter sozialkritischen Genre-Experimenten à la „Get Out" oder unlängst „Nope" beteiligte sich hier am Drehbuch und hat zudem im Originalton der titelgebenden Figur Wild seine Stimme geliehen. Dessen bessere Hälfte Wendell wurde von niemand Geringerem als Keegan-Michael Key vertont, dem langjährigen Comedy-Partner von Peele („Key & Peele"). Die Zutaten für eine schaurig-schöne Seherfahrung sind also alle vorhanden. Das Zusammentreffen der zwei Meister des Makabren stellt sich allerdings als weniger aufregend heraus, als erhofft.

Seit dem Tod ihrer Eltern legt die 13-jährige Kat eine rebellische Attitüde an den Tag. Als die hartgesottene Teenagerin in ein katholisches Mädcheninternat versetzt wird, zeigt sie zu Beginn wenig Interesse an sozialen Interaktionen mit ihren Mitschülerinnen. Nach einer Reihe seltsamer Geschehnisse wird sie plötzlich von den dämonischen Geschwistern Wendell und Wild heimgesucht.  Diese wählen das Punk-Girl kurzerhand zum neuen „Höllenmädchen" aus. Ein Umstand, der den gelangweilten Höllenbrüdern dazu verhelfen soll, ein neues Leben im Reich der Sterblichen zu beginnen. Doch Kat hat eine Bedingung: Sie möchte, dass ihre Eltern wieder zum Leben erweckt werden. In der Zwischenzeit kommen dunkle Geheimnisse ans Tageslicht, die in Verbindung mit ihrer Familie stehen.

Henry Selicks Rückkehr zum Film weist einige der Stärken auf, die sein bisheriges Schaffen auszeichneten: liebevoll ausgearbeitete Figuren, verblüffend detaillierte Gruselwelten oder erstaunlich erwachsene Metaphern rund um Trauer und Verlust.  Das Problem ist diesmal leider, dass das Plotkonstrukt, das eben all diese Elemente unter einen Hut bringen soll, viel zu überladen daherkommt. Es werden Nebenhandlungsstränge aufgebaut, die nicht konsequent zu Ende gedacht wurden oder sogar komplett ins Leere führen. Die Gothik-Ästhetik besticht mit visuellem Einfallsreichtum, durch die übermäßige Verwendung offensichtlich computergenerierter Hintergründe geht jedoch ein wenig der handgemachte Charme verloren. Wenigstens wissen die schwarzhumorigen Gags, Jordan Peele sei Dank, zu punkten. Am Ende bleibt „Wendell & Wild" ein insgesamt schon sympathisch-morbider Animations-Spaß für Jung und Alt. Basierend auf der vielversprechenden Grundidee und allen voran der Zusammenkunft von Talenten hinter der Kamera hätte das Projekt aber sehr viel mehr sein können. Trotzdem bietet der Film solide – wenn auch vergessenswerte – Streaming-Unterhaltung für regnerische Herbsttage.

"Wendell & Wild" ist auf Netflix zu sehen.

★ ★ ★ ☆ ☆ (3/5)