Mike Flanagan gehört zu den großen Hoffnungsträgern des zeitgenössischen Horrorfilms – seine Faszination für Geister, Dämonen und Okkultismus hat der US-Regisseur nun auch vermehrt schon in Serienform ausleben dürfen. Nach den Erfolgsformaten "The Haunting of Hill House", "The Haunting of Bly Manor" und "Midnight Mass" steht nun die vierte Kooperation zwischen Flanagan und Streaminggigant Netflix bevor. Mit "The Midnight Club" ("Gänsehaut um Mitternacht") adaptiert der Grusel-Connaisseur in Zusammenarbeit mit Leah Fong den gleichnamigen Roman von Christopher Pike und entführt Zuschauer auf eine nostalgische Zeitreise zurück in die Neunziger. Einem Jahrzehnt geprägt von gesellschaftlichem Wandel und technischer Erneuerungen, aber auch existentieller Ängste.

Eigentlich glaubte Musterschülerin Ilonka (Iman Benson), einer rosigen Zukunft entgegenzublicken. Doch dann ereilt die gewiefte Teenagerin, nur wenige Monate vor Uniantritt, die Schockdiagnose schlechthin: Krebs im Endstadium. Ihre finalen Lebensmonate will sie mit Gleichaltrigen verbringen und lässt sich deshalb in ein auf Jugendliche ausgerichtetes Hospiz einliefern. Was aber tun, wenn man nichts mehr zu fürchten hat? Wenn der unentrinnbare Tod nur mehr einen Katzensprung entfernt zu liegen scheint? Ganz einfach: Man erzählt einander Gruselgeschichten. Allnächtlich setzen sich die jugendlichen Bewohner und Bewohnerinnen der Anstalt als Gruppe zusammen, um aus den aufregenden Erzählungen neue Energie zu schöpfen. Fiktive Schreckszenarien werden für die todgeweihten Jugendlichen zur willkommenen Abwechslung vom realen Horror, den ihr jeweiliges Krankheitsbild mit sich bringt. Und zudem zur Projektionsfläche für persönliche Sorgen, Ängste und unerfüllte Wunschvorstellungen.

Im Hintergrund der zehnteiligen ersten Staffel bahnt sich indes ein Mysterium an, das übernatürlichen Charakter ausstrahlt. Der eigentliche Horror ist aber zur Abwechslung in der Realität verankert. Das tatsächliche Monster, das hier sein Unweisen treibt, bleibt nämlich ein Unsichtbares: die eigene Mortalität. Das nächste Opfer kann potenziell ein jeder sein. Der ausweglosen Ausgangssituation zum Trotz ist der Ton, den die Serie anschlägt, alles andere als hoffnungslos. Es sind eben die Momente der intimen Gruppengespräche (als Haustherapeutin wurde "Nightmare on Elm Street"-Ikone Heather Langenkamp ins Boot geholt), die Momente der Freude und Glückseligkeit zwischen all der Tristesse, die "The Midnight Club" emotional vorantreiben. Durch die gewitzt-pfiffige Darstellung der Existenzängste einer jungen Generation kommen übrigens Vergleiche mit dem Kultklassiker "The Breakfast Club" nicht von irgendwo. Mike Flanagan präsentiert sich in seiner vierten Netflix-Produktion von einer ungewohnt sanften Seite, ohne aber das wahrhaftige Grauen zu verniedlichen. Das Ergebnis ist ein pittoresk bebildertes Stückchen Coming-of-Age-Horror, das verstört, berührt und im Kern die unsterbliche Kraft des Geschichtenerzählens zelebriert.

"The Midnight Club" (Gänsehaut um Mitternacht) ist auf Netflix zu sehen.

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆ (4/5)