Vom idyllischen Auenland keine Spur, vielmehr beginnt die Serie "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht" mit einem Aufstand – nein, kein Zwergenaufstand, auch wenn es naheliegt. Aber es beginnt im Kleinen das, was man im Großen sagen will: Ihre Mitstreiter versagen der Kriegerin Galadriel (Morfydd Clark) auf ihrer fieberhaften Suche nach Sauron die Gefolgschaft. Schon zu lange dauert die erfolglose Suche nach ihm.

Wir schreiben das zweite Zeitalter von Mittelerde, also rund 1000 Jahre vor der bekannten "Der Herr der Ringe"-Trilogie. Die Elben sind kriegsmüde, wollen nach vorne blicken und ihre Heldinnen und Helden ehren, also standesgemäß nach "Valinor" in Frühpension schicken. Leicht übersieht man so das, was man übersehen will. Überall in Mittelerde mehren sich nämlich die Anzeichen, für ein ziemlich großes Comeback: Sauron erstarkt.



Aber auch andernorts in Mittelerde hält man am Idyll fest: Die Zwerge roboten vor sich hin, Khazad-dûm prosperiert, bei den Harfoots, also Hobbits, soll bitte auch alles so bleiben, wie es ist. Die Krise kleinreden, ein klassisches Gesellschaftsspiel. Doch neben jenen, die sich wegducken, gibt es auch die Warner, die, auch das klassisch, niemand ernst nimmt.

In den ersten beiden Folgen, die ab Freitag auf Amazon Prime zu sehen sind, werden die Fäden für ein Langzeitprojekt aufgezogen. Schon die Eckpunkte sind gigantisch: 250 Millionen Dollar zahlte Amazon für die Rechte, fünf Staffeln sind geplant, die in Summe eine Milliarde Dollar kosten sollen. Man wolle keine Serie machen, die nach 2022 ausschaut, sondern eine zeitlose Serie, wie Patrick McKay, einer der Showrunner, skizziert. Eine Serie, die sich tief in die Fantasiewelt Tolkiens eingräbt.

Das ist – keine Frage – gelungen. Die Ausarbeitung der einzelnen Welten, die in den ersten beiden Folgen aufgezogen werden, ist Fantasy deluxe – detailreich, verspielt, überbordend. Landschaftsbombast aus der Vogelperspektive, Palastwelten, alles unterlegt mit großer Orchestermusik – mächtig bis prächtig. In den letzten Jahren hat sich dafür ein Modewort etabliert, das nirgendwo besser passt, als hier: Eskapismus. Hier funktioniert sie, die Flucht aus der Realität. Vielleicht ist das auch das Problem der Serie. Allein bei Galadriel gelingt in den ersten beiden Folgen die Ausarbeitung einer Figur mit Tiefgang, der Rest wirkt wie eine Art Vorstellungsrunde dafür, was da alles noch kommen wird.

Zieht man einen Vergleich zu Spotify, wo mittlerweile die ersten 30 Sekunden eines Liedes über seinen Erfolg entscheiden, könnte es schwierig werden. Zwei von acht Folgen sind immerhin ein Viertel der ersten Staffel. Noch fehlt jene Sogwirkung, die Serien ausüben, die in den letzten Jahren vielfach ausgezeichnet wurden. Die ihre Protagonisten, ihr Tun und ihr Sein in einer Gesellschaft so gut ausleuchten, dass es mitunter wehtut: Milieustudien mit hohem Unterhaltungswert. Es sind die Mikrokosmen, die die Essenz großer Serien sind.

Sich in dieser großen Welt zu verlieren, könnte auch der Fluch eines solchen Projektes sein. Doch noch stehen wir am Anfang, lassen wir einmal Sauron zur Tat schreiten. Das Böse lässt bekanntlich die unterschiedlichsten Welten zusammenrücken. Es könnte also noch ein spannender Mikrokosmos daraus werden.

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆ (4/5)


"Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht", ab Freitag auf Amazon Prime.