Comeback der NachtgastronomieWieder tanzen, yeah! Fünf Erfahrungsberichte aus der Nachtschicht

Machen wir doch die Nacht zum Tag! Warum man die nächtlichen Kommunikationsräume einfach nicht ersetzen kann: Fünf Erfahrungsberichte aus der Nachtschicht.

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Niemand tanzt wie er: John Travolta in Saturday Night Fever
Niemand tanzt wie er: John Travolta in Saturday Night Fever ©  imago images/ZUMA Wire (imago stock&people)
 

Durchgemacht (Julia Schafferhofer)

Jahrelang endete meine Donnerstagnacht freitagmorgens um 6.30 Uhr: Im Studentenheim in Wien durfte niemand die Kellerdisco verlassen, bevor die Putzfee nicht zum Abklatschen da war. Wir waren jung, partywütig, tranken Wodka-Lemon (oder Schlimmeres) aus Plastikbechern und brauchten kaum Schlaf. Freitags belegten wir sicherheitshalber keine Unikurse, und in die Bundesländer fuhren wir erst abends heim. Rotierende Discokugeln erinnern mich seit jeher ans Durchmachen, ans Nicht-Heimgehen, an Nachtwürstelstände, Kernöl-Eierspeis sowie ans In-Die-Sonne-Blinzeln beim Rauspurzeln in die Realität. Eine durchzechte Nacht fühlt sich so an, als hätte man das Leben gerade niedergeschmust. Egal, ob Zeltfest in der Provinz, Beach-Club, Weihnachtsfeier oder die ersten Ausgeherfahrungen im Flex oder den Gürtellokalen – am schönsten ist es, wenn einem eine Nacht auswärts passiert, weil die Unvernunft siegt. Nur dass man heute deutlich länger als den Freitag zur Regeneration braucht.

Watschentanz (Bernd Melichar)

Es war buchstäblich zum, Pardon, Speiben: Der Alkohol, der in den Discobunkern konsumiert wurde, war so toxisch, dass das Gesicht am nächsten Tag von ungesunder Andy-Warhol-Blässe gezeichnet war. Die Musik war so grauslich, dass selbst das betäubte Bewusstsein im Kreis rotierte. Die Bewegungen, die der Jungspund auf der flackernden Tanzfläche absolvierte, erinnerten an einen geprügelten Tanzbären. Und die Mädchen, die dieser peinlich zappelnde, testosteronbeladene Bär in seine Jugendzimmer-Höhle abzuschleppen gedachte, dachten gar nicht daran, mit dieser verhaltensauffälligen Figur auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen. Es lebte sich auch durchaus gefährlich damals. Auf den Zeltfesten saßen Fäuste und Zähne locker, im Rinnsal schäumten Bier und Blut, und wenn man in der Land-Disco im fremden Revier wilderte und die feschen Maiden anbaggerte, konnte man gar nicht so schnell schauen, dass die Furchenjunker mit ihren mächtigen Handschaufeln ausholten und einem eine prackten. Das nannte man dann Watschentanz.

Hier und Jetzt (Anna Stockhammer)

Ich muss gleich zu Beginn gestehen: Ich war und bin kein Party-Junkie. Noch nie habe ich zu jenen gehört, die regelmäßig feiern gehen – meine Introvertiertheit lässt grüßen. Dennoch, die Nächte, die ich in Klubs verbracht habe (und es gab Zeiten, in denen es mehr waren, Stichwort Auslandssemester), werde ich nie vergessen. Im positiven Sinn. Am Türsteher vorbei, ein Schritt auf die Tanzfläche: Mehr hat es nicht gebraucht, um mich darauf einzulassen. Wo sonst, wenn nicht im Club ist es so einfach, in eine andere Rolle zu schlüpfen, sich zu verwandeln in jemanden, der man vielleicht gerne wäre, aber im “normalen” Leben noch nicht bereit ist zu sein? Dort, wo der Mut schnell beisammen ist, um dem DJ sein Lieblingslied zuzubrüllen, dort, wo man auf der Toilette merkt, wie betrunken man schon ist – was aber nicht schlimm ist, weil die beste Freundin auf einen aufpasst – dort war alles absurd, kam mir aber verdammt richtig vor. Es zählte nur das Hier und Jetzt. Und das Gefühl hat ein junger Mensch nicht allzu oft.

Ein Fremdkörper (Martin Gasser)

Eine Disco? Bitte, was ist eine Disco? Als Discos modern waren, war ich ein Kind. Modern waren sie in den späten Siebzigern, bevor sie schon in den frühen Achtzigern verschwanden. Ich kannte nur Clubs, und die anfangs auch nur vom Hörensagen. Wenn ich später dann einmal hineingekommen bin, wusste ich gar nichts mit mir anzufangen. Zum Tanzen bin ich nur in Schaltjahr-Abständen aufgelegt und etwas neidvoll blicke ich bis heute auf die jungen Leute, die sich da auf der Tanzfläche der Musik hingeben. Dabei gefällt mir die Musik, die in Clubs aufgelegt wird meist ausgezeichnet – nur tanzen mag ich nicht. Klar, das ist in etwa so, als würde man sagen, man fände Regenbogen schön, nur mit den Farben könne man nix anfangen. Das Tanzen gehört nun einmal einfach dazu. So bleibe ich im Club deshalb immer ein Fremdkörper, aber hineingehen will ich weiter, um mich über die Musik und die Lebendigkeit der Nacht zu freuen.

Holodeck (Susanne Rakowitz)

Kann sein, dass sich Sci-Fi-Fans rund um Tanzflächen wohler fühlen als sonstwo. Clubs sind wie Holodecks – alles ist möglich, jeder neue Besuch eine neue Episode. Mit einer ungemeinen Leichtigkeit hebelt es jene Gesetze aus, die tagsüber wie unsichtbare Schranken sind. In der Nacht werden die Karten neu gemischt, sie bringt ihre eigenen Gesetze und Figuren mit. Da sind die King of all Kings: die Löwinnen und Löwen im Habitat. Herausgefordert durch künftige Platzhirsche, die raumgreifend agieren. Ihr Publikum sind jene, deren Ellbogen fest an der Bar verankert sind. Und sie bewegen sich KEINEN ZENTIMETER RICHTUNG TANZFLÄCHE. Die Abgeklärten, die Teil des Interieurs sind, sie haben sie alle kommen und gehen sehen. Die Neuen, die wie eine unsichere Gruppe Antilopen am Löwenrudel vorbeischleicht: Erhitzt, beschwipst und ziemlich überdrüber. Und natürlich die Profitänzer, die sich allen Augen entziehen, obwohl sie mittendrin sind – weil völlig losgelöst von der Erde. Susanne Rakowitz

 

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