Kamasi Washington: Die Magie eines Sounds

Wie man dem Jazz politischen Chic und Hipness zurückgibt, demonstriert der Saxofonist Kamasi Washington. Der Amerikaner ist am Wochenende in Österreich zu Gast.

Saxofonist Kamasi Washington (37) ist der Jazz-Star seiner Generation © Young Turks
 

Unsere Zeit als Opfer ist vorüber. Wir werden nicht länger um Gerechtigkeit bitten. Wir werden Vergeltung üben.“ So bedrohlich tönt der Vorbote des vermutlich am sehnlichsten erwarteten Jazzalbums des Jahres. „Fists of Fury“ heißt die Vorabsingle aus Kamasi Washingtons drittem Album, das den Titel „Heaven and Earth“ tragen wird.

Der Musiker bleibt seinem 2015 auf dem machtvollen Dreifachalbum „The Epic“ etablierten Sound weitgehend treu. Aus Ingredienzien aus Jazz, Soul, Gospel, Funk und Psychedelik hat der in Los Angeles geborene Saxofonist zu einem hochprozentigen, magischen Soundgebräu destilliert, in dem die gesamte afroamerikanische Musiktradtion Platz finden sollte.

Durch Washingtons Musik geistern die Urväter der Jazz-Avantgarde John Coltrane und Sun Ra, die Streicher säuseln wie sanfte Echos auf die poetischen Ergießungen einer Marvin Gaye-Scheibe, die schon im Titel zitierte epische Länge und die Besetzung scheinen Duke Ellington mit dem LSD-Zeitalter kurzschließen zu wollen. „The Epic“ ist eine zeitlose Platte, in dem Sinn, als die Musik eines Jahrhundert darauf gleichzeitig präsent ist. Dass das Album veröffentlicht wurde, als wieder einmal Polizeibrutalität gegen Afroamerikaner durch die Medien ging, verlieh „The Epic“ noch Brisanz.

Washington firmierte schnell als Anführer eines „West Coast Revival“ und Fackelträger einer Jazz-Renaissance. Auch weil das Schwergewicht Musikfans jenseits eingeschworener Jazz-Zirkel ansprach. In letzteren gilt Washington freilich nicht selten als gehypter Medienstar. „Heaven and Earth“ soll ein düsteres Album werden, heißt es. Der wütende Soul von „Fists of Fury“ lässt einen bitteren Kommentar zur Gegenwart erwarten.

An Washingtons Popularität wird das nichts ändern – im Gegenteil. Die Mischung aus Protest, Spiritualität und vitaler Soundvision ist einfach zu sexy. Dass andere Jazzer das auch alles draufhaben (wie etwa die Chicagoerin Matana Roberts) verblasst daneben leider.

Kamasi Washington: 19. Mai, Konzerthaus Wien, 20 Uhr, konzerthaus.at 20. Mai, Jazzfestival Inntöne, Diersbach/OÖ, www.inntoene.com

Kommentieren