Ihr Spitzname war „Petite Capeline“, ihr echter Name ist unbekannt. Sie ist zweieinhalb Jahre alt, als sie im Sommer 1881 aus Feuerland mit zehn anderen Menschen ihres Volkes nach Europa verschleppt wird. Ausgestellt im Pariser Vergnügungspark Jardin d’Acclimatation – begafft und mit Steinen beworfen wie Tiere. „Petite Capeline“ wird nur zweieinhalb Jahre alt, sie stirbt in den Armen ihrer Mutter an einer Lungenentzündung. Für den Rest der Truppe geht es danach weiter – im Viehwaggon nach Hamburg in den Zoo Hagenbeck, wo sie wie in Paris eine Attraktion sind.

Rund 35.000 Menschen werden von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg ausgestellt und die Doku „‚Die Wilden‘ in den Menschenzoos“ (20.15 Uhr), die den Auftakt zum Arte-Schwerpunkt am Dienstag macht, zeichnet in historischem Film- und Fotomaterial diese Barbarei nach. Menschen, als „Wilde“ inszeniert, und von Ethnologen im Sinne ihrer kruden Rassentheorien vermessen und klassifiziert. Wie praktisch auch für die Kolonialmächte, die ihren Bürgern so die Notwendigkeit der Kolonialisierung verkauften – irgendjemand musste sich ja schließlich um die armen Unzivilisierten kümmern. „Beim Erinnern geht es nicht darum, Schuldgefühle zu erzeugen, sondern zu verstehen, was geschehen ist und welchen Einfluss die Geschichte auf uns hat“, kommt bei der Doku Lilian Thuram, ehemaliger französischer Fußballspieler, zu Wort. Es geht um das grundlegende Wissen und das Verstehen, wo und wie Rassismen ihren Ursprung haben.

Auch die zweite Doku des Abends ist hochaktuell: „Restituieren? Afrika fordert seine Kunstschätze zurück“ (21.50 Uhr) zeigt in allen Facetten, wie sich die Kolonialmächte an den Kulturschätzen Afrikas bedienten, um ihre Museen zu befüllen. Schätzungen zufolge sind Dreiviertel des Kulturerbes Afrikas in Museen außerhalb des Kontinents zu finden. Vor allem nach der Berliner Konferenz (1884-1885), wo es zu einer willkürlichen Aufteilung Afrikas kam, erfuhren die ethnologischen Sammlungen einen gewaltigen Schub an Kunstschätzen. Bis heute fehlt in vielen Sammlungen ein Einsehen, warum die Kunstschätze zurückgegeben werden sollen. Zu Wort kommen auch die Experten Bénédicte Savoy und Felwine Sarr, die Frankreich bei der Rückgabe von Kunstschätzen beraten.

Die dritte Doku „Von Dakar nach Dschibuti“ (23.15 Uhr) beleuchtet die berüchtigte Expedition von sechs Ethnografen, die 1931 aufbrachen und unter fragwürdigsten Umständen Hunderte Objekte für die Sammlungen des Pariser Musée d’Ethnographie mitbrachten.

Alle drei Dokumentationen sind auch in der Arte-Mediathek.