Serie "Scenes from a Marriage"Vom Glück und Horror einer Liebesbeziehung

Jessica Chastain und Oscar Isaac brillieren in der Neuauflage des Ingmar-Bergman-Klassikers „Szenen einer Ehe“ – ab Montag ist die HBO-Produktion, die erst bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte, auf Sky zu sehen.

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Oscar Isaac und Jessica Chastain in der Neuauflage von "Szenen einer Ehe"
Oscar Isaac und Jessica Chastain in der Neuauflage von "Szenen einer Ehe" © HBO/Sky
 

Wenn man ein echtes Kammerspiel vor sich hat, merkt man, wie oft man vorschnell Serien als solches bezeichnet. Hier fällt man gleich mit der Tür ins Haus –oder besser gesagt, direkt in die Kulisse: Jessica Chastain läuft durch das Set, vorbei an schöner Inneneinrichtung: Die Front ist tipptopp, die Rückseite schäbiges Holz. Kulisse halt, aber symptomatisch für das, was danach kommt: Eine Ehe, die nach außen hin repräsentabel ist, aber nach innen schon Risse zeigt – nur fallen sie einem der Ehepartner nicht auf. Später, wenn sie ihm, emotional am Limit, gesteht, dass sie schon seit Monaten fremdgeht, wird sie zu ihm sagen: Ich dachte mir, du würdest es selbst merken. Woran, wird er fassungslos fragen. An den Zeichen, wird sie sagen.

Es ist das, was das Publikum von der ersten Minute an weiß, weil es eindeutig ist: Mira (Jessica Chastain) blickt besorgt auf ihr Handy, schreibt fahrig eine SMS, weil sie weiß, was gleich kommt: Sie muss in diesem Kammerspiel ihrer Rolle gerecht werden. Eine Rolle, die nur mehr wenig mit dem zu tun haben wird, was sie zu Protokoll geben wird. Der Blick von außen sieht eine erfolgreiche Frau, die eine Techfirma leitet, ihr Ehemann Jonathan (Oscar Isaac) kümmert sich vor allem um die vierjährige Tochter Ava (Lily Jane). Ein Erfolgsrezept. Genau dafür interessiert sich eine Wissenschaftlerin, die nun den beiden gegenüber sitzt. Ihr Interesse gilt den verändernden „Gendernormen“, die Frau gibt die Hauptversorgerin. Was ist also das Geheimnis des Vorzeigeehepaares?

Während sich Jonathan sichtlich in seiner Rolle des modernen Vorzeigeehemanns gefällt, sitzt Mira schüchtern und Lob abwiegelnd daneben. Es sind die kleinen Gesten und die Mimik, die Bände sprechen. Es sind die Zeichen, die er nicht erkennt, vielleicht auch nicht erkennen will. Was danach kommt, ist in seinen Grundzügen wohlbekannt: 1973 hat Ingmar Bergman zunächst im Fünfteiler „Szenen einer Ehe“ („Scenes from a Marriage“), danach in einem Kinofilm die Institution Ehe filetiert. Freilich unter den Prämissen der damaligen Zeit: Erfolgreicher Mann geht fremd, beweint die Fesseln des emotionalen Gefängnisses Ehe und fordert seine Freiheit ein. Ein Gassenhauer, auch, weil der Blick mit dem Brennglas jene Mechanismen zutage fördert, die man quer durch alle Gesellschaftsschichten kennt: Was passiert auf dem Weg von der RomCom zum Drama? Wer biegt wo falsch ab, wer bleibt in der Spur und wer traut sich den Befreiungsschlag? Zweifelsohne ein zeitloses Setting, das sich damals wie heute quer durch alle Gesellschaftsschichten zieht –und deshalb spannend wie eh und je ist.

Die Neuadaption von „Szenen einer Ehe“ passt sich den ökonomischen Veränderungen an, bleibt aber streng an der Vorlage: ein Auseinandernehmen einer Beziehung am Seziertisch. Faser für Faser mit voller Härte. Jessica Chastain und Oscar Isaac laufen in den fünf je rund einstündigen Folgen zur Hochform auf. Manchmal die Lage analytisch klärend wie zwei Schachspieler in den finalen Zügen des Spiels. Dann wieder wie zwei Boxer im Ring: Brutal gesetzte verbale Tiefschläge, die irgendwann sogar in einer physischen Auseinandersetzung enden. Danach werden sie beide die Scheidungspapiere unterschreiben. Letztlich gibt es weder Gewinner noch Verlierer. Es bleibt der Erkenntnisgewinn, aber selbst der schmeckt bitter: Sie können nicht mit, aber auch nicht ohneeinander überleben.

Der israelische Regisseur und Drehbuchautor Hagai Levi ist nicht zuletzt seit „The Affair“ dafür bekannt, emotionale Verflechtungen bis zum Kern freizulegen. Hier schickt er Darsteller und Zuschauer auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Auch, weil es letztlich zwar eine fiktionale Serie ist, aber so nah am Leben, dass es fast schon wehtut.

"Scenes of a Marriage" ist ab 13. September in Originalsprache auf Sky zu sehen. Die Ausstrahlung der synchronisierten Fassung erfolgt ab 19. November.

 

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