Politik-Talk in Deutschland und ÖsterreichDie Spielmacher und Ausgelieferten

Die TV-Talk-Begleitung des deutschen Wahlkampfs zeigt die unterschiedlichen Verhältnisse von Politik und Medien hier und dort.

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Ende der Schonzeit. Das „Sommergespräch“ mit Sebastian Kurz signalisiert den Start des politischen Fernsehherbstes. Seit Jan Böhmermanns Neubeginn ist auch der deutsche Telekratie-Ring wieder voll besetzt. Die Bundestagswahl in drei Wochen offenbart besonders klar die unterschiedlichen Kulturen im Verhältnis  von Politik und Medien. Bei den Nachbarn gibt es von der „heute-show“ bis zum „ZDF Magazin Royale“ im öffentlich-rechtlichen Programm beißende Polit-Satire, neben der „Willkommen Österreich“ über lange Strecken zahm wirkt – auch wegen Cross-Promotion des ORF. Doch klassische Befragungen wie das erste „Triell“ der Kanzlerkandidaten auf RTL wirken für hiesige Beobachter sachlicher als hierzulande.

Einige Ursachen dafür wird der Vergleich des Kanzler-Talks im ORF mit den weiteren Kandidaten-Triellen am 12. und 19. September bei ARD/ZDF und ProSieben/Sat.1 verdeutlichen. Sie liegen in den Persönlichkeiten. Olaf Scholz und Armin Laschet haben wie Angela Merkel keine besondere Begabung für Fernsehpolitik. Annalena Baerbock schien am ehesten dafür geeignet – vor ihren Fehlern. Kurz hingegen ist TV-affin. Er spielt mehr mit dem Medium, wirkt ihm weniger ausgeliefert. Deshalb hat er in seinen Wahlkämpfen kaum eine Bildschirm-Gefechtsgelegenheit ausgelassen. Merkel ließ sich dazu 2017 nur einmal herab. Ihr Duell mit Martin Schulz lief zugleich in vier öffentlich-rechtlichen und privaten Programmen  und lockte 16 Millionen Seher. Schon diese Verknappung samt Maximierung zeigte, wer das Sagen hatte. Das erste „Triell“ 2021 brachte RTL fünf Millionen Zuschauer.

In Österreich sind die Fernsehverhältnisse klarer. Bei Politik dominiert ORF 2. Umso erstaunlicher ist es, dass sich vor Wahlen alle Kandidaten in eine weltrekordverdächtige Zahl von TV-Streitgesprächen drängen lassen. Im Kontrast zu Merkel hieße das, die Medien hätten das Sagen. Das Phänomen lässt sich aber auch über die Absender deuten: Hier ist die Amerikanisierung weiter fortgeschritten – zu noch mehr TV-Arena. Deutschland wird nicht allzu schnell nachziehen. Dort ist kein Kanzlerkandidat ein Fernsehstar. Kurz hingegen peilt am Montag wieder ein Millionenpublikum an.

Peter Plaikner ist Politikanalyst und Medienberater mit Standorten in Tirol, Wien und Kärnten.

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